4. August 2025
Projekt I Ausdauernde Perfektion
Wie mixt du kulturelle Identität, Aurora?

Die gebürtige Venezolanerin verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Barcelona und trug maßgeblich zum Erfolg des Paradiso als beste Bar der Welt bei. Seit 2023 lebt die 39-Jährige in Berlin.
Unter der historischen Dachkuppel des ehemaligen Tacheles-Gebäudes erhebt sich die Bar Clara Berlin. Mit ihrem 360°-Panoramablick und spektakulärer Innenarchitektur des renommierten Studio Aisslinger zählt sie zu den wohl eindrucksvollsten Aussichtspunkten der Stadt. Doch was sie wirklich so einzigartig macht, liegt nicht nur im Design, sondern in ihrer Idee. Die Cocktailkarte ist kuratiert wie eine Ausstellung. Jeder Drink – inspiriert von aktuellen Themen des Fotografiska-Museums – führt die Bildwelt genussvoll im Glas weiter. Um dieses künstlerische Narrativ im Glas zu erschaffen, braucht es Persönlichkeiten, die in ihrer spitzengastronomischen Perfektion progressiv denken und auf höchstem Niveau spielerisch irritieren. Aurora Almenar prägt seit 2024 als Creative Bar Manager den unverwechselbaren Stil der Bar Clara. Nun prägt sie auch mit von den Ausstellungen inspirierten Kreationen die Cocktail-Identität der Verōnika Bar im selben Haus. Geboren in Caracas und ausgebildet in der Welt der Werbung, führte ihr Weg zunächst nach Barcelona in das weltberühmte Paradiso. Hier trug Aurora entscheidend dazu bei, dass die Bar 2022 zur besten der Welt gekürt wurde. Doch statt sich auf Lorbeeren auszuruhen, entschied sie sich für einen radikalen Neuanfang in Berlin. Warum? Ich treffe Aurora Almenar im August 2025 in der Bar Clara – umgeben von funkelndem Licht, schöpferischen Ideen und einem Hauch Safran.
Umgeben von bodentiefen Glasfronten und umlaufender Terrasse mit Blick über Berlin: Das filigran wirkende Pyramidendach scheint über der Stadt zu schweben und verbindet den Innenraum nahtlos mit der weiten Skyline, während das vom Studio Asslinger entworfene Interieur mit warmen Materialien, sanften Farbverläufen und raffinierten Details eine intime, zugleich moderne Atmosphäre schafft.
Du warst ein prägender Teil von Paradiso – der besten Bar der Welt. Und hast sie trotzdem verlassen. Warum?Aurora: Die Entscheidung, Barcelona den Rücken zu kehren und einen kompletten Neuanfang in Berlin zu wagen, war hart. Nachdem wir 2022 die Auszeichnung zur besten Bar der Welt erhalten hatten, wurde alles anders. Die Schlange vor der Tür: insane. Wir gingen von 300 bis 400 Cocktails pro Tag auf über 1000. Was vorher ein kreatives, eingespieltes Team war, wurde über Nacht zu einer Hochleistungsmaschine. Neue Leute, lange Schichten, 12 Stunden am Tag. Der Druck war spürbar. Und obwohl ich für diese Bar alles gegeben habe, kam der Moment, in dem mir klar wurde: Ich muss gehen, um mir selbst treu zu bleiben. Es war das härteste Nein meines Lebens.
2019 wird Aurora Managerin des Paradiso Lab, leitet ein Team von 40 Personen und etabliert zentrale Projekte wie ein Zero-Waste-Programm. Unter ihrer Leitung wird das Paradiso vom renommierten Ranking „World’s 50 Best Bars“ zur besten Bar der Welt gekürt.
Was hat dich damals an Berlin gereizt?
Aurora: Der Vibe der Stadt hat mich auf Reisen schon immer fasziniert. Es ist für mich ein Ort, an dem Gestaltung noch möglich ist. Berlin ist aus der Asche auferstanden und öffnet genau deshalb Räume. In Barcelona gibt es eine großartige, etablierte Barkultur. Hier in Berlin habe ich Chancen und Potenzial gesehen. Das Restaurant CODA ist ein gutes Beispiel – Menschen waren zunächst skeptisch gegenüber einem erstklassigen Dessert-Restaurant. René Frank hat sich heute fest in der Sternegastronomie etabliert, weil er durch beständige Qualität, kreative Ansätze und ein außergewöhnliches Konzept überzeugt. Das durfte in der Berliner Barwelt auch passieren. Als ich meine Partnerin kennenlernte, die in Berlin lebte, war die Entscheidung gefallen.
Hoch über den Dächern von Berlin finden die Gäste in ihren Cocktails viele Facetten der kulturellen Identität von Aurora wieder.
„Ich arbeite fast immer mit spanischen Produkten – Sherry, Safran, Wein.“
Dein Wechsel von Paradiso zu Clara war ein beruflicher Rückschritt.
Aurora: Objektiv betrachtet, ja. Kein Ranking, keine Preise. Aber in Wahrheit war es für mich eine persönliche Weiterentwicklung. Weil ich plötzlich die Möglichkeit hatte, mein eigenes Narrativ zu entwickeln und etwas ganz Neues von Grund auf mitzugestalten. Als ich 2023 in Berlin ankam, sprach ich kein Wort Englisch. Meine ganze Erfahrung – ich konnte sie niemandem erklären. Dann habe ich von einem Freund die Fotografiska-Ausschreibung erhalten. Die Frau, die das Interview führte, kannte das Paradiso. Sie selbst hatte bereits in Institutionen dem Dante in New York gearbeitet und hielt mir aufgrund meiner Erfahrung alle Türen offen. Zwei Monate später sprach ich Englisch und startete in der Verōnika Bar. Drei Monate später öffneten wir Clara.
Was hast du in dieser prägenden Zeit in Barcelona über dich selbst, aber auch über Menschen, gelernt?
Aurora: Spanien war mein Coming of Age. Hier bin ich zur Frau geworden. Ich habe gelernt, Nein zu sagen – zu Menschen, Chancen, Erwartungen. Um dorthin zu kommen, wo ich heute bin, musste ich hart arbeiten. Lernen, meiner Intuition zu vertrauen und gegen den Strom zu schwimmen. Als ich damals aus Caracas nach Barcelona kam, habe als Barback angefangen und mich Schritt für Schritt weiterentwickelt. Erfolge sind kein Grund, sich auszuruhen, sondern demütig und mit den Füßen am Boden zu bleiben. Wie kann ich mich weiter verbessern? Dazu besuche ich Masterclasses, um mich kontinuierlich weiterzubilden. Aktuell absolviere ich zum Beispiel einen Kurs zum Thema Fermentation. Wenn ich mich in meinem Metier vorangehen möchte, ist unbedingte Leidenschaft das eine. Daneben ist es entscheidend, immer weiterzulernen, sämtliche Techniken zu verstehen und zu beherrschen. Ohne diese Grundeinstellung wäre ich heute vermutlich nicht Creative Bar Manager.

„Berlin ist für mich ein Ort, an dem es noch möglich ist, die Barkultur proaktiv und progressiv mitzugestalten.“
Barcelona hat dich reifen lassen, in Berlin kannst du gestalten. Wie viel Caracas steckt noch in dir?
Aurora: Caracas ist meine Heimat, hier habe ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht. Aber der Ort ist auch mit einem schmerzhaften Gefühl verbunden, weil Venezuela seine kulturelle Identität mehr und mehr verliert. Wir sind über die ganze Welt verteilt. In Mexiko zum Beispiel spüren die Menschen noch eine tiefe Verbindung zu ihren Wurzeln – sie können zum Beispiel stundenlang über Mais sprechen! Diese Faszination für die eigene Herkunft, für Traditionen und eine aktiv gelebte kulturelle Identität hat mich bei einer Reise im letzten Jahr dorthin völlig überrascht – und inspiriert. Das kenne ich von meiner Heimat nicht. Durch mein neues Projekt AUMA beginne ich, mich mit meinen venezolanischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Und werde dazu beitragen, unserer Kultur mehr Sichtbarkeit zu geben. Ich möchte zeigen, wie Venezuela schmeckt – jenseits von Mango, Arepas und Ananas.
Was genau ist AUMA?
Aurora: Ein kulturelles Cocktail-Lab. Ein Ort, an dem ich venezolanische Produkte, Zutaten und Geschichten neu interpretiere – für Berlin, für die Welt. Ich möchte unser ursprüngliches Wissen zusammentragen, Menschen verbinden, unsere traditionellen Aromen zeitgemäß und kraftvoll ins Hier und Jetzt übersetzen.
Hier im Haus führt ihr Themen der Ausstellungen als Narrativ im Glas weiter. Wie viel Aurora finden wir dabei in deinen Drinks?
Aurora: Jeder Cocktail spiegelt einen Teil meiner Persönlichkeit bzw. kulturellen Identität wider. Ich arbeite fast immer mit spanischen Produkten – Sherry, Safran, Wein. Mein Drink YOLK ME knüpft zum Beispiel mit seinem Mango-Yolk an venezolanische Geschmäcker, der Safran an spanische Zutaten an. Ein vermeintliches Eigelb liegt in einer Bowl, nicht im Glas. Die Gäste sind irritiert – und genau das liebe ich.
Die Ausstellungsräume der Fotografiska zeigen von Mai bis August 2025 die knallbunten, satirischen fotorealistischen Darstellungen von TOILETPAPER. Eines dieser Aufnahmen inspirierte Aurora zu ihrem Drink YOLK ME. „Ich liebe es, Gäste zu irritieren.“
Wie wichtig ist es dir, zu spielen, zu irritieren, Ablehnung zu schaffen?
Aurora: Es ist für mich absolut notwendig! Denn nur dann, wenn ich den Gast im ersten Momente irritiere und aus der Komfortzone hole, beginnt echtes Erleben und ein Erinnerungsmoment. Bei YOLK ME schauen die allermeisten erst skeptisch in die Bowl, bevor der sensorische Twist kommt. Ich muss das Eigelb aufbrechen, interagiere mit dem Produkt und werde überrascht. Einen guten Drink können viele mixen – ein hochwertiges Barerlebnis passiert aber erst dann, wenn ich Emotionen erschaffe, an die ich mich gern zurückerinnere.
TOILETPAPER und damit auch YOLK ME enden bald. Helga Paris zieht in Ausstellungsräume: ehrliche, ungeschönte und intimen Fotografien von Menschen in der DDR. Wie führst du die neue Ausstellung im Glas fort?
Aurora: Das ist wahrlich Herausforderung und Ehre zugleich. Die DDR hatte keine große kulinarische Bandbreite. Vieles kam aus Ungarn oder der Sowjetunion. Es gab Drinks wie Grüne Wiese – Orangensaft mit Blue Curaçao und Sekt. Einfach, aber ehrlich. Ich frage mich: Was haben Menschen damals gefühlt, gefeiert, getrunken? Ich möchte das respektvoll im Glas fortführen. Und genau das macht die Arbeit hier im Haus für mich so besonders. Mit dem stetigen Wechsel der Ausstellungen ändern wir auch regelmäßig das Menü und sprechen zugleich immer wieder andere Zielgruppen an.
Wenn Aurora in den frühen Morgenstunden heimkehrt, wartet ihr fünfjähriger Husky auf sie – ein wichtiger Ausgleich für sie und eine gelungene Work-Life-Balance.
Wie erlebst du seit deiner Ankunft die Berliner Barkultur in Bezug auf das Thema Gastfreundschaft? Und ist diese zeitgemäß?
Aurora: Authentische Gastfreundschaft im Jahr 2025 besticht für mich vor allem durch Echtheit. Ich möchte, dass sich jeder Gast wie ein Freund oder eine Freundin des Hauses fühlt. Ohne Maske, ohne Fassade. Das ist bei mir kulturell verankert. Berlin ist auf einem guten Weg, aber ich sehe noch große Unterschiede, beispielsweise im Vergleich zu Barcelona. Man spürt hier oft, wer mit Leidenschaft arbeitet und wer einfach nur einen Job macht. Beides ist okay. Gutes Gastgebertum braucht aber Aufmerksamkeit, Augenkontakt und Wertschätzung. Das Produkt ist wichtig – aber die echte Verbindung zwischen den Menschen noch mehr.
Wo siehst du die Berliner Barszene in fünf Jahren?
Aurora: Auf einem sehr guten Level. Weil sich echte Gastfreundschaft, progressive Konzepte und hohe Qualitätsstandards auszahlen werden. Und das Thema Equal Drinking – bewusstes, gleichberechtigtes Trinken ohne Alkohol – wird eine immer größere Rolle spielen. Ich merke schon jetzt, wie die Nachfrage nach alkoholfreien Optionen explodiert. Bei AUMA wird das ein fester Bestandteil werden. Es geht um gemeinsamen, echten Genuss – nicht um Promille.
Aurora Almenar
Bar Clara und Verōnika Berlin in der Fotografiska Berlin:
Oranienburger Str. 54, 10117 Berlin
Webseite Bar Clara: www.barclara.fotografiska.com/de
Webseite Verōnika : www.veronikaberlin.com
Instagram Aurora Almenar: www.instagram.com/milanetta









