12. September 2025
Projekt I Ausdauernde Perfektion
„Ich möchte da, wo ich bin, einen Unterschied machen.“

Ihr Leben ist geprägt von „Wanderjahren“ und jahrzehntelanger Brillanz im Gastrogewerbe. Mittlerweile leitet Claudia Steinbauer im fünften Jahr das CLÄRCHENS, eines der geschichtsträchtigsten Institutionen Berlins.
„Die Seele des CLÄRCHENS“ und „Dirigentin des Chaos“ – mit solchen Attributen wird sie von Presse, in Podcasts und im Social Web geschmückt. Während sich meine Interviewpartnerin Claudia Steinbauer – wie ich unserem Gespräch erfahren werde – von Erwartungen frei macht, waren meine an diesem sonnigen Nachmittag im September hoch gesteckt. Schließlich fiel ihr Name überdurchschnittlich oft, wenn ich meine bisherigen Interviewgäste nach starken Persönlichkeiten und inspirierenden Gesichtern der Gastronomie gefragt habe. Wo setzt man bei einem Leben geprägt von „Wanderjahren“, jahrzehntelanger Brillanz im Gastrogewerbe und der Leitung eines der geschichtsträchtigsten Institutionen Berlins im mittlerweile fünften Jahr an? Ich nutze unsere wunderschöne Gesprächskulisse im Biergarten des 2024 eröffneten Restaurants Luna D'Oro im CLÄRCHENS und frage Claudia:
„Clärchen“ ist Clara Bühler, die nach dem Tod ihres Ehemanns Fritz das im Jahr 1913 gegründete Ballhaus allein weiterführte. Schon zu seinen Lebzeiten wurde das Etablissement im Volksmund als „Clärchens Ballhaus“ bekannt. Das Ballhaus blieb zu Kriegszeiten, während politischer Umwälzungen und diverser Regierungsformen in Betrieb.
Steckt mehr Clärchen oder mehr Luna in dir?
Claudia: Wenn ich wählen müsste, wäre ich wohl eher Clärchen. Sie ist so vieles zugleich, schafft den Rahmen, trägt Geschichte und Geschichten in sich – und sie steht mit ihrer Erfahrung für mehrere Generationen.
Welche Generation, welches Umfeld hat dich geprägt?
Claudia: Ich komme aus einem Leistungshaushalt. Meine Eltern, beide Jahrgang 1935, haben sich stark mit jener Generation identifiziert, die in Chemnitz fest davon überzeugt war: Der Sozialismus ist die bessere Alternative. Bis zuletzt waren sie überzeugte Kommunisten. Mein Vater hat mir – so weit das im Osten möglich war – schon vor der Wende das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg vorgelebt. Meine Mutter war zugleich meine Schuldirektorin. Überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, das Deuten subtiler Bemerkungen, das Lesen dessen, was ‚auf der Stirn geschrieben‘ steht und immer ein Stück voraus zu sein: Das waren Werte, die mir mitgegeben wurden.
Aufgewachsen im DDR-System: Claudias Eltern lebten ihr das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg und überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft vor.
Was hat sich diese Prägung nach der Wende – nun in einem komplett neuen System – mit dir gemacht? Claudia: Die Mauer fiel, da war ich 17. Die Angst war groß: Würde ich im kapitalistischen System überleben, im Westen bestehen können? Was ich damals bereit war, an unbezahlten Überstunden zu leisten! Heute liebe ich die jüngere Generation dafür, dass sie mich täglich an Werte erinnert, die wir damals verdrängt haben. Lebensqualität zum Beispiel.
Wie definierst du Lebensqualität?
Claudia: Ich verstehe Lebensqualität dabei nicht im klassischen Sinn von Work-Life-Balance. Was meinem Leben gerade eine neue Dimension eröffnet und damit Qualität schenkt, sind neue Begrifflichkeiten, neue Wordings, andere Rahmen, die wir Zuständen, Gefühlen oder Sachverhalten heute geben können. Meine Kinder sind dabei meine größten Vorbilder. Ich erinnere mich an ein Gespräch vor vielen Jahren über Rassismus. Damals hätte ich von mir behauptet, nicht rassistisch zu sein – und doch wachsen wir alle mit Denkmustern auf, die bewusst oder unbewusst verurteilend sein können. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Etwas, das uns im ständigen Leisten und Funktionieren früher fest im Griff hatte, bekommt nach und nach Sprache, Definition – und zieht in die Normalität ein. Damit können wir besser umgehen, und wir gewinnen ein Stück Kontrolle zurück. Für jemanden wie mich, die Sprache so sehr liebt, ist genau das ein Stück Lebensqualität.
Eine der prägendsten Stationen waren ihre Hamburger Klinker-Zeiten. Gemeinsam mit Marianus von Hörsten und Aaron Levi Hasenpusch schuf sie hier 2019 eine bis heute erfolgreich bestehende und Werte-orientierte Institution im Stadtteil Harvestehude.
Sprache ist deine Heimat, du liest unheimlich viel und hast mir eben Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili empfohlen – ein wuchtiges Familienepos, in dem Zuhause nicht als fester Ort, sondern als komplexe, oft brüchige und schwer greifbare Erfahrung beschrieben wird. Was gibt dir ein Zuhause-Gefühl?
Claudia: Zuhause ist für mich kein Zustand, den ich suche oder nach dem ich mich sehne. Ich war und bin schon immer gern unterwegs – und versuche dort, wo ich gerade bin, einen Unterschied zu machen. Wurzellosigkeit hilft in meinem Job sogar sehr. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie sich so etwas wie Heimat anfühlt. Nach dem Abi bin ich sofort losgezogen, mit 25 bekam ich mein erstes Kind und bin kurz darauf nach Südafrika ausgewandert – ohne soziales Netz, ohne familiären Rückhalt, wie im Schleudersitz unterwegs. Ich musste mir viele Wege selbst ebnen. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass ich als zweifache Mutter mit 27 nicht mehr ins mittlere Management zurückkehren könnte. Die Hotelkarriere war offensichtlich vorbei – also musste ich anderweitig Gas geben, oftmals zu viel. Erst in den letzten Jahren habe ich begonnen, mein Leben zu sortieren, anzukommen. Berlin mag ich dabei gerade sehr gern, auch wenn hier derzeit einiges brodelt.
Was verändert sich gerade aus deiner Perspektive in Berlin?
Claudia: Die Stadt verwahrlost – und damit springe ich nicht auf das allgemeine Berlin-Bashing auf. Dass es Berlin nicht gut geht, ist offensichtlich. Aber viele Themen kommen gerade aus der Peripherie in den Alltag. Ein Beispiel: Kürzlich kamen hier zwei Musiker an, die mich körperlich bedrohten. Ich selbst denke dann pragmatisch: Mit meinen 53 Jahren werden sie mir nichts tun. Aber was ist mit meinen jüngeren Mitarbeitenden? Mit denen, die nachts noch nach Neukölln in ihre Wohnungen zurückfahren. Dazu kommt aktuell immer mehr Alarm von außen: Neulich haben sich Nachbarn schon um 21 Uhr über Lärm beschwert und die Polizei gerufen – das ist neu. Ich sehe es als Aufgabe, dass wir das in den Griff bekommen. Wir brauchen stadtübergreifende Aktionen, die Hoffnung säen, um im wahrsten Sinne des Wortes „aufräumen“ – mit der BVG, der BSR, Bumble, Hinge, Jung von Matt und weiteren Akteuren in der Stadt. Es geht mir um ein gemeinsames, gesellschaftliches Engagement für Berlin, um Schönheit und Teilhabe gegen Einsamkeit.
Im wahrsten Sinne des Wortes „aufräumen“: „Es geht mir um ein gemeinsames, gesellschaftliches Engagement für Berlin, um Schönheit und Teilhabe gegen Einsamkeit.“
Seit Jahrzehnten brillierst du als Gastgeberin, gibst und gibst dich dem Gast hin. Gibt es überhaupt Momente, in denen du zur Ruhe kommst?
Claudia: Für mich ist es unendlich wichtig, stetig die eigene Komfortzone zu verlassen. Ist es nicht schön, sich immer wieder neu zu entdecken und gewachsene Vielfalt in sich zu spüren? Am Älterwerden schätze ich deshalb vor allem die Lebenserfahrung. Und zugleich ist es anstrengend, Neues auszuprobieren, neugierig und wach im Kopf zu bleiben. Denn der Körper macht irgendwann ohnehin, was er will. Das spüre ich gerade beim Lagree-Training – übrigens ebenfalls eine Komfortzone, die ich kürzlich verlassen habe. Meine Tochter brachte mich darauf, und ich war fest überzeugt: Niemals gehe ich in einen Raum mit fremden Menschen auf eine Maschine, die ich nicht kenne und mache Übungen, von denen ich keine Ahnung habe. Und siehe da: Es ist eine neue Obsession. Eine Stunde lang denke ich an nichts anderes, als daran, langsam bis vier zu zählen – und gehe anschließend wunderbar aufgeräumt nach Hause …
Um anschließend wieder im CLÄRCHENS zu glänzen. In welchen Momenten spürst du deine Kompetenz und jahrzehntelange Erfahrung am meisten?
Claudia: Entscheidend wird es dann, wenn Chaos zu organisieren ist oder schwierige Gäste das Parkett betreten. Genau in solchen Momenten ist es meine Aufgabe, gelassen und stark zu bleiben, meinem Team ein Vorbild zu sein und mit offenem Herzen zu reagieren.
Im mittlerweile fünften Jahr führt sie als General Managerin das CLÄRCHENS, in das 2024 das Restaurant Luna D'Oro mit nostalgischen Klassikern in ebensolchem Ambiente eingezogen ist.
Welches Thema beschäftigt dich und dein offenes Herz gerade sehr?
Claudia: Der Osten – hier möchte ich noch einmal ran. Denn wir spüren gerade an vielen Stellen – sei es in Politik oder Gastronomie –, dass eben nicht alles so bleibt, wie es ist. Ich sehe es als Geschenk, zwei Systeme und einen kompletten Zusammenbruch miterlebt zu haben. Diese Erfahrung und all die damit verbundenen Gefühle möchte ich – vielleicht sogar in einem Buch – weitergeben. Um mich zugleich noch einmal selbst mit all der gelebten und erfahrenen Geschichte auseinanderzusetzen. Wir sehen das gerade ganz akut in der Gastronomie: So viele Parameter verändern sich: Wo stehen beispielsweise Individualgastronomen in fünf Jahren? Ich kann es heute nicht beantworten.
Welche Parameter haben sich aus deiner Sicht besonders verschoben? Und was bedeutet das schon heute ganz konkret für deinen Arbeitsalltag?
Claudia: Ich werde nicht in den Chor einstimmen, dass die Gastronomie zugrunde geht. Aber es hat sich tatsächlich viel verändert. Und der Gast hat sich noch nicht entschieden, wohin die Reise gehen soll. Deshalb müssen wir ihm heute viel aufmerksamer zuhören. Leuchttürme wie uns wird es wohl weiterhin geben. Aber wie lange können kleine, selbstständige Betriebe noch überleben? Gäste gehen früher nach Hause – ob im Kino oder in der Gastronomie. Die Zeitspanne, in der man Geld verdienen kann, ist kürzer. Wo sind sie? Viele sitzen vor ihrem Lieblingsspäti. Es geht also immer stärker um soziale Interaktion, aber auch um guten Service – und weit weniger um das perfekte Essen. Erst vor wenigen Tagen trieb mir die lange Schlange im Biergarten Schweißperlen auf die Stirn: Wir haben seit Kurzem auf Selbstbedienung umgestellt. Doch beim Hinsehen wurde mir klar: In dieser Schlange passiert etwas. Hier entsteht Interaktion, das Gefühl von Zugehörigkeit, von Teilhabe an einem gemeinsamen Abend. Jetzt nicht vorschnell einzuschreiten, sondern den Gast zu beobachten, was er möchte, wohin die Reise gehen soll, das ist die Aufgabe der Stunde.
Einer ihrer liebsten Plätze ist der Biergarten vor dem CLÄRCHENS. „Es ist die Aufgabe der Stunde, dem Gast zuzuhören.“
Was reizt dich an dieser Ungewissheit? Aber auch daran, nach wie vor als General Managerin tagtäglich ein 45-köpfiges Orchester zu leiten?
Claudia: Es ist für mich ein absolutes Kompetenzerlebnis. Ich liebe es, mitten im Chaos zu stecken, Takt und Einsatz vorzugeben und mit all den gegebenen wie auch ungewissen Faktoren etwas Schönes zu gestalten. Das hier ist eine Bühne, deren Lichter für uns alle um 17 Uhr angehen. Dann gilt es, zu erschaffen, zu kreieren – und das eigene Adrenalin zu spüren. Es ist sensationell, der beste Job der Welt. Der Gast ist nach wie vor meine Inspiration, meine Hingabe. Ich bin durchweg mit ihm im Zwiegespräch – und genau das gibt mir nach wie vor unheimlich viel.

Auch, wenn Claudia ungern als Gast loslässt und sie ihre „Hummeln im Hintern“ nicht lange sitzen lassen, genießt sie umso lieber die Zeit mit ihrer Familie – sogar im Sitzen!
Bist du eigentlich selbst gerne Gast?
Claudia: Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht! Wann darf ich aufstehen, wann muss ich gehen? Und meine Hummeln im Hintern lassen mich ohnehin nur ungern lange irgendwo sitzen. Genießen ist eine Fähigkeit, die ich mir noch aneignen möchte. Als Gast loszulassen, mich einfach irgendwo fallen zu lassen – das ist überhaupt nicht meine Komfortzone.
CLÄRCHENS
Auguststraße 24/25, 10117 Berlin
Webseite: www.claerchensball.haus
Instagram: www.instagram.com/claerchens-ballhaus











