19. August 2025
Projekt I Ausdauernde Perfektion
„Das war wie 'ne Oskarnominierung!“

Neben ihrem unverkennbaren Dutt als persönliches Markenzeichen trägt Jana wie alle Teammitglieder der neu eröffneten Manon Brasserie nouvelle passend zum französischen Branding den Querbinder über einem weißen Hemd. [© Steffen Sinzinger]
Der kurze Fußweg vom Bahnhof Zoo zum Roomers Hotel ist an einem Samstagmittag im August wahrlich kein ruhiges Pflaster. Umso angenehmer wirkt die dezente Geräuschkulisse der Bar in der Manon brasserie nouvelle – das erste rein französische Restaurantkonzept des Multigastronoms The Duc Ngo, das am 6. Mai offiziell eröffnet hat. Pünktlich um zwölf Uhr erscheint meine Gesprächspartnerin zum Interview und erfüllt den Raum sofort mit Berliner Charme, beeindruckender Ausstrahlung und hinreißender Leidenschaft für den Beruf als Gastgeberin. Die gebürtige Brandenburgerin Jana Kämpfer steht seit fast 20 Jahren an Ducs Seite, hat mit ihm das mittlerweile 21. Restaurantkonzept realisiert und ist nun von den Berliner Meisterköchen als Gastgeberin des Jahres nominiert. Kurz nach unserem Interview betritt ein junges Paar den Barraum zum Lunch. Jana begrüßt sie wie alte Bekannte – sie besuchen jeden Samstag ein anderes ihrer Restaurants. Ein kleiner, aber eindrucksvoller Beleg für Janas authentische Herzlichkeit, die alle Gäste in ihren Bann zieht. Wie macht sie das?
Wie prägt deine ostdeutsche Kindheit bis heute deine Arbeitsmentalität?
Jana: Ich bin 1982 in der DDR geboren und habe eine klassische sozialistische Erziehung genossen. Meine Mutter hat immer gearbeitet und mir ein starkes Frauenbild vorgelebt. Natürlich prägt mich das bis heute enorm. Ein wichtiger Schlüssel bei der Zusammenstellung meiner Teams ist, dass alle ihre Rolle kennen müssen, Individualität ist da erstmal zweitrangig. Das große Ganze und das Wohl der kleinen Arbeitsfamilien in jedem unserer Restaurants sind entscheidend.
Bereits als Kinder – hier links im Alter von vier Jahren im Rosa-Luxemburg-Kindergarten in Gransee – füllte Jana den Raum mit purer Lebensfreude.
Eine Eigenschaft, mit der sie ihre Gäste bis heute in den Bann zieht. [rechts © Steffen Sinzinger]
Wann hast du zum ersten Mal deine Leidenschaft für die Gastro gespürt?
Jana: Bei uns im Garten gab es Hühner, frische Kräuter und Tomaten – den Bezug zu echten Lebensmitteln hatte ich also schon als Kind. Nach der Schule stellte sich die Frage: Wie soll mein Leben aussehen? In der DDR war Arbeit ein identitätsstiftender Faktor, die Vollbeschäftigung verfassungsgemäß verankert. Meiner Mutter war es wichtig, dass ich etwas Solides lerne. Also schmökerten wir durch den dicken Berufsführer. Klar war, was ich nicht wollte: einen klassischen Frauenberuf oder früh aufstehen. Die Ausbildung zur Hotelfachfrau stach heraus. Meine Mutter segnete ab mit: „Jegessen wird immer.“
Dann kam die Ausbildung in Sommerfeld.
Jana: Ich ahnte damals nicht, welche Berliner Größe mich unter ihre Fittiche nahm – und wie prägend sie sein würde. Detlef Naujokat, der eines der besten Restaurants Berlins verlassen hatte, um das Hotel am See in Sommerfeld zu eröffnen, konnte alles und war sich für nichts zu schade. Jeden Abend dankte er seinem Team – eine Geste, die ich bis heute übernommen habe. Nach wenigen Wochen wusste ich: Ich liebe diesen Beruf, will das für immer machen und Gastgeberin des Jahres werden.

Seit ihrer Ankunft in Berlin 2006 begleitet Jana die facettenreichen Restaurantwelten des Multigastronoms The Duc Ngo – hier 2017 im Golden Phoenix. [© GEKKOGROUP]
Bereits im Alter von 20?
Jana: Aber ja! 1997 wurde der Preis erstmals vergeben – für mich eine Sensation, weil endlich auch der Serviceberuf Anerkennung fand. Damals verfolgten wir die Berliner Meisterköche noch in der Lokalpresse, Social Media gab es ja nicht. Und mir war klar: Diesen Preis will ich, ich will die Beste sein. Ich hing allen damit so sehr in den Ohren, dass sich mein Jahrgang bis heute daran erinnert.
Wie bist du von Sommerfeld in das große Berlin und zu Duc gekommen?
Jana: Von Anfang an war mir klar, dass ich mit meinem Können und Intellekt etwas erreichen kann. Da führte kein Weg an Berlin vorbei. Nach meiner Ausbildung begann ich 2006 bei Duc als Servicekraft im shiro i shiro, einem der ersten großen Fine-Dining-Häuser der Stadt. Eigentlich nur ein Aushilfsjob für vier Wochen im Sommer. Doch schnell war klar, wie gut wir zusammenpassen. Ein halbes Jahr später kam das Jobangebot – und seitdem bin ich fast ununterbrochen geblieben.
Die „Arbeitsehe“ Jana & Duc hält nun seit fast 20 Jahren. Love at first sight, Krisenehe oder Traumbeziehung?
Jana: Damals kam ich im shiro i shiro eher als Dorfpomeranze an. Schnell habe ich die Serviceabläufe in dem 140 Plätze großen Restaurant hinterfragt, optimiert und bewiesen, was ich kann. Und so bot mir Duc mit erst drei Jahren Berufserfahrung eine Managementstelle an – ein großer Vertrauensbeweis.
„Das große Ganze und das Wohl der Arbeitsfamilien ist entscheidend.“ [links: © Rolling Pin; rechts © Steffen Sinzinger]
Warum bist du geblieben?
Jana: 21 Konzepte in 25 Jahren: Die rasante Entwicklung des Unternehmens machte mein Leben von Beginn an unglaublich bunt und ereignisreich. Die Prominenz im shiro i shiro war damals wie ein Autoquartett – in so jungen Jahren überwältigend. Dazu kommt mein unglaublich großer Drang, viel zu viel zu arbeiten. Duc aber schickt mich nach Hause: „Jetzt ist der Tag vorbei. Wann hattest du das letzte Mal Urlaub?“ Diese Fürsorge prägt unser Miteinander, aber auch die Kultur in allen Teams. Und mittlerweile ist ein tiefes Vertrauen gewachsen – wir arbeiten fast blind zusammen, weil wir genau wissen, was dem anderen wichtig ist.
Wie erfindet ihr gemeinsam Restaurantkonzepte wie beispielsweise das Manon neu?
Jana: Es fängt immer an mit: „Komm mal, ich hab das was!“ So auch beim Manon. An der Location angekommen, hatte ich sofort Gänsehaut: Ein imposantes Gebäude mit großer Geschichte. Mir fiel sofort auf, dass hier überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten und eine feminine Atmosphäre schaffen. Duc fragte: „Was wollen wir hier machen?“ Ich hab ich angeschaut und gesagt, dass hier nur eines in Frage kommt: eine französische Brasserie. Jugendstil, Gatsby überall, Art-déco-saniert – ein wilder Mix, aber Frankreich durch und durch. So passiert es immer: Alles fängt mit dem Raum an, dann wird die Idee geboren und wir holen unsere langjährigen Partner dazu.
Im 1906 von August Endell errichteten Jugendstilgebäude, dessen olivgrüne Außenfasse durch zwei markante Erker, geometrische Zierstuccos und Flügelfenster als Musterbeispiel für die Architektur des neuen Jahrhundert gilt, ist Anfang 2025 das Roomers Hotel samt der Manon brasserie nouvelle eingezogen. [© GEKKOGROUP]
Das Interior, aber auch die Figur der Manon, wurden von der Designerin Hyunjung Kim erschaffen.
Jana: Ja. Sie ist schon seit dem shiro i shiro an unserer Seite. Dieses Mal hat sie neben dem französischen Art-déco-Interior auch die imaginäre Figur der Manon kreiert – inspiriert vom gleichnamigen Chanson von Serge Gainsbourg. Ihre Idee: Manon lebt hier, empfängt die Gäste und darf für jeden etwas anderes bedeuten.
Wer ist Manon für dich? Und wie viel von ihr steckt in dir?
Jana: Eine Frau Mitte, Ende 40 – selbstbewusst, ein wenig arty. Sie mixt ihre Cocktails am liebsten selbst, raucht stilvoll mit Zigarettenspitze und trägt eine Perlenkette als ihr Markenzeichen. Sie liebt es, Gäste um sich zu haben, genießt aber genauso die Momente des Rückzugs. Ich hingegen bin alles andere als arty. Aber lasse mich sehr gern als Gast in Manons Welt fallen.
Wer ist Manon? [© Dongho Lee]
Und wann lässt du dich in der echten Welt fallen?
Jana: Ich bin Gastronomie mit jeder Faser, schlafe oft nur vier Stunden und identifiziere mich stark mit meiner Arbeit. Doch meine engsten Freundschaften, die ich teils seit über 30 Jahren pflege, sind mir heilig. Sonntags am See, den Kopf auf den Oberschenkeln meiner besten Freundin abgelegt, finde ich Ruhe – genauso wie in Momenten der Stille für mich, aus denen ich Kraft schöpfe.
Welche Facette an dir kennen weder die Gäste, noch dein Team?
Jana: Ich liebe seichte Romcoms auf Netflix – aber nur mit Happy End! Mit Pizza vor der Nase gebe ich mich der heilen Welt hin. Genauso schätze ich mein heißgeliebtes Sonntagsschnitzel im Prater. Aus diesen Momenten ziehe ich ganz viel Kraft. Unser Metier ist anstrengend, man gibt jedem Gast einen Teil von sich mit. Um langfristig durchzuhalten, musst du dir Momente des Auftankens erhalten.
Ein Ort mit Geschichte und Geschichten : Für Jana kam in diesen Räumlichkeiten, in denen bereits Marlene Dietrich bevorzugt ihre Hotelaufenthalte verbracht hat, nur ein Restaurantkonzept in Frage: eine französische Brasserie. [© Steffen Sinzinger]
Animateurin, Theraupeutin, Sommelière, Geschichtenerzählerin: Gekonntes Gastgebertum fordert viele Rollen. Was hebt deine Gastfreundschaft von anderen ab? Warum sind die Gäste so begeistert von dir?
Jana: Viele meiner Gäste kenne ich schon seit dem Funky Fisch oder Kuchi – und sie kommen nun auch ins Manon. Für mich ein echtes Achievement, dass 50 Prozent nicht einfach ins Restaurant gehen, sondern zu Jana. Über die Jahre habe ich mir eine kunterbunte Schneekugel aus Menschen und Geschichten aufgebaut. Ich liebe das: zu wissen, wer kommt, wer geht, die familiären Strukturen und persönlichen Umbrüche. Mein Interesse ist nicht gespielt. Ich möchte wirklich wissen, wie es meinem Gegenüber geht. Das spüren die Menschen. Meine Art ist direkt, manchmal forsch, aber immer herzlich – und am Ende bin ich eine lebende Gästedatei, die um alle Geschichten und Allergien weiß.

„Mir war von Anfang an klar, dass ich mit meinem Können und Intellekt etwas erreichen werde.“ [© Steffen Sinzinger]
Erinnerst du dich an den Moment, an dem du von deiner Nominierung als Gastgeberin des Jahres erfahren hast?
Jana: Diesen Dienstag im Juli werde ich nie vergessen. Völlig erschöpft von der intensiven Neueröffnung hatte ich gerade noch meiner Mutter am Telefon mein Leid geklagt und mich nach einer Woche Sonne am Acapulco gesehnt. Gerade angekommen entdeckte ich die E-Mail im Manon-Postfach: „Herzlichen Glückwunsch!“. In dem Moment fielen Millionen von Arbeitsstunden von mir ab und ich fing sofort an zu weinen. Überwältigt stürmte ich ins Restaurant, rannte vor Aufregung gegen die Scheibe, ließ mich von meiner Kollegin umarmen und konnte minutenlang kein Wort sprechen. Nach dem Anruf bei Duc und seinem trockenem „Na endlich!“, wurde mir bewusst, was das wirklich bedeutete: Anerkennung für all die unzähligen Stunden, die Leidenschaft und schwarz auf weiß zu sehen, dass ich zu den Besten zu gehöre. Es war die Belohnung für Jahre harter Arbeit. Am Ende saßen wir zusammen, tranken Champagner und es schien sich alles zu fügen.
Zur Preisverleihung der Berliner Meisterköche im November 2025 nimmt Jana ihren Chefkoch Lukas Markwalder mit – schließlich lege er das kulinarische Fundament für ihre Arbeit. [© Steffen Sinzinger]
Wer tröstet dich bei der Preisvergabe im November vor Ort, wenn du nicht gewinnst?
Jana: Ich nehme meinen Chefkoch mit! Schließlich legt er das kulinarische Fundament für meine Arbeit. Und wenn ich nicht gewinne, bleibt es ein großer Erfolg, unter den Top fünf zu sein. Natürlich würde ich mich tief im Inneren über den Sieg freuen, aber noch wichtiger ist für mich, mit so tollen Menschen nominiert zu sein. Ich fühle mich in dieser Runde sehr wohl und geehrt, mit Spitzengastronominnen und -gastronomen in einer Liga zu stehen, die über viele Jahre hinweg ihre ausdauernde Hingabe bewiesen haben. So nah werde ich meinem Lebenstraum wahrscheinlich nie wieder kommen.
Und was passiert, wenn du gewinnst?
Jana: Wir genießen den Moment und dann arbeiten wir weiter! Würde ich gewinnen, wäre das großartig. Und doch wäre es am Ende ein kurzer Augenblick und ein „Nice-to-have“ in 25 Jahren Gastronomiekarriere. Viel wichtiger ist, das Manon erfolgreich auf die Beine zu stellen. Die nächsten Projekte, wie beispielsweise das neue Kochbuch, stehen schon vor der Tür. Duc und ich schauen selten zurück und leben meist im Übermorgen. Fleiß ist tief in unserer DNA verankert. Die Gastro ist unser Lebensinhalt und das wird auch so bleiben.
Manon brasserie nouvelle
Steinplatz 4, 10625 Berlin
Webseite: www.manon-berlin.de
Instagram: www.instagram.com/manon_brasserie













