Golden Cross Cheese in East Sussex: 
britische Käsegeschichte im Kleinformat

Diese Cheese Story basiert auf einem Besuch bei der Familie Blunt auf der Greenacres Farm in Holmes Hill, East Sussex. Neben den Reportagen über Jonny Crickmore von Fen Farm Dairy und Roger Longman von White Lake Cheese ergänzt sie das Bild einer britischen Käserenaissance, die seit den 1980er-Jahren gewachsen ist – getragen von Einzelnen, die Haltung vor Größe stellen.

Alison, Kevin und ihr Sohn Matthew Blunt stehen vor dem Ziegenstall der Greenacres Farm in Holmes Hill, East Sussex

Der 34-jährige Matthew ist seit 2014 in Vollzeit im Betrieb seiner Eltern Alison (69) und Kevin Blunt (70) tätig und übernimmt zunehmend Verantwortung für Käserei, Ziegen und Betriebswirtschaft.


Mittelalterliches Erbe, viktorianische Seebäder, dramatische Küstenlinien: Die Grafschaft East Sussex im Südosten Englands ist bekannt für ihren reiche Natur- und Geschichtsschatz – nicht zuletzt als Schauplatz der Schlacht von 1066 rund um Battle Abbey. Die weißen Kreidefelsen der Seven Sisters ragen über dem Ärmelkanal auf, Seebäder wie Brighton formen das Gesicht der Region, Orte wie Rye erzählen vom Handel vergangener Zeiten.

Küstenstädte wie Hastings oder Bexhill-on-Sea leben von Restaurants, in denen der Fang des Tages serviert wird: Jakobsmuscheln, Hering, Dover-Seezunge und Makrele. Ansonsten scheint East Sussex kulinarisch eher ein Tiefflieger. Der Sussex Sparkling bleibt außerhalb der Region ein Geheimtipp. Ein Blick auf die regionale Käseplatte bestätigt den Eindruck: Brighton Blue und Sussex Charmer – das war es dann auch schon. Fisch dominiert, Käse scheint hier Randnotiz zu sein.

Umso erstaunlicher, dass seit 1989 die Familie Blunt auf der Greenacres Farm in Holmes Hill – irgendwo zwischen Crawley und Eastbourne – mit Golden Cross Cheese zu einer konstanten Größe der britischen Käsekultur geworden ist. Der Name ist dabei keine Referenz auf eine vermeintlich „goldene“ Mischung aus Saanen-, Toggenburger- und British-Alpine-Ziegen der rund 250 Tiere umfassenden Herde. Es war James Aldridge, der Kevin und Alison Blunt in den 1990er-Jahren nahelegte, ihr Handwerk lokal zu verorten – auch im Namen. Golden Cross bezeichnet nicht nur den Ortsteil, sondern auch einen Pub, der damals als selbstverständlicher Treffpunkt der Gegend galt.

Bei meinem Besuch in Holmes Hill begegne ich dem 2001 verstorbenen James Aldridge immer wieder. Bis heute gilt er als prägende Figur der britischen Käsegeschichte – Initiator zahlreicher Neuschöpfungen, Motor der Renaissance handwerklicher Farmhouse Cheeses. Visionäre wie er bereiteten den Boden, auf dem Betriebe wie der der Blunts wachsen und die britische Käsekultur erneuern konnten.

Vier Jahrzehnte Handwerk in East Sussex – und bis heute nur drei Käsesorten. „Mehr wollten wir nie – und mehr schaffen wir nicht“, sagt Kevin. Bei meinem Besuch wird deutlich, warum der dreiköpfige Kern des Hofes – Kevin, Alison und ihr Sohn Matthew – kaum Gelegenheit findet, Preisverleihungen wie den British & Irish Cheese Awards beizuwohnen: Der Betrieb verlangt ständige Präsenz.

Zwischen „Goat TV“ und Aldridges Vermächtnis, zwischen handwerklicher Präzision und radikaler Begrenzung auf wenige Kleinformate hält die Familie Blunt seit Jahrzehnten Kurs. Keine Expansion, kein Spektakel – sondern Konzentration. Ein „ziemlich kompaktes und ziemlich großartiges Handwerk“, das die kulturellen und historischen Linien britischer Käsekultur im Kleinen sichtbar macht.

Landwirtschaft statt Labor

Wohnhaus der Greenacres Farm in Holmes Hill, East Sussex

 Das Wohnhaus der Familie Blunt auf der Greenacres Farm liegt nur einen Steinwurf entfernt von Käserei und Ziegenställen.


Wie es ihm heute gehe, frage ich Kevin als Erstes, als er mich an diesem ungewöhnlich warmen Februartag vom Bahnhof in Lewes abholt. „Oh, I am fine!“ Bis gestern seien er und Alison noch in Eastbourne gewesen. „Ali und ich versuchen, uns ein wenig zurückzuziehen – und doch sind es noch immer vierzig bis fünfzig Stunden pro Woche.“

Seit 2014 übernimmt ihr Sohn Matthew zunehmend Verantwortung. Schon früh half er am Wochenende in der Dairy. Es sei ein Glücksfall, dass der jüngste ihrer drei Kinder „eine solche Leidenschaft für die Familienfarm entwickelt hat“. Dass das, was Kevin und Alison hier von Grund auf aufgebaut haben, weitergeführt wird, ist alles andere als selbstverständlich. Kevin macht im Rückblick auf die Anfangsjahre deutlich, dass ein solches Leben keinen Feierabend kennt, keine Ausnahmen. Es ist geprägt von permanenter Verantwortung und den Unwägbarkeiten eines Marktes, der wenig verzeiht.

Kevin wurde im Nordosten Englands, südlich von Newcastle, geboren. Seine Mutter heiratete erneut, nachdem sein Vater früh verstorben war. „Ich kam durch meinen Stiefvater zum ersten Mal mit der Landwirtschaft in Berührung.“ Nach dem Studium der Biochemie zog es ihn deshalb aufs Land statt ins Labor. Alison, gelernte Krankenschwester, hatte er an der Universität kennengelernt. Seither gehen sie ihren Weg gemeinsam.

Glückliche Zufälle

„My love of milking came in Leicester.“ Drei Jahre sammelte er dort als Herdenführer erste Erfahrungen. Doch Kevin und Alison wollten mehr. Vor allem etwas Eigenes. In den 1980er-Jahren eine ungewöhnlich mutige Entscheidung. Ein Besuch bei Alisons Eltern in Eastbourne brachte sie durch Zufall mit einem sechs Hektar großen Stück Land in Kontakt – heute das Zuhause der Familie und von Golden Cross Cheese.

Die geringe Größe der Farm schloss Kuhhaltung von vornherein aus. „Wir starteten mit sechs Ziegen, zweitausend freilaufenden Hühnern und ein paar Schweinen.“ Die Milch melkten sie von Hand. Zunächst wollten sie sie gefroren weiterverkaufen. Doch ein Ziegenkäser aus der Region zeigte ihnen, wie sich auf einfache, beinahe rudimentäre Weise ein laktischer Ziegenkäse herstellen lässt. Von da an war Käse nicht mehr wegzudenken. Try and Error – mehr blieb ihnen damals nicht. Internet gab es ebenso wenig wie Zeit, anderswo zu lernen. Fünf Jahre später, 1989, bauten sie ihr Haus auf dem Grundstück, erst danach folgten größere Käsereiräume.

Wir biegen auf das wirklich erstaunlich übersichtliche Gelände von Golden Cross Cheese ein. Ziegenställe, Wohnhaus und Käserei liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. „Zuerst versuchten wir uns an Hartkäse“, erzählt Kevin. Ein paar Monate später sah er eine Anzeige von Regis Dussartre in der Lokalzeitung: Ziegenherde und Equipment zu verkaufen. Inklusive Rezept für den Golden Cross – ein keilförmiger Ziegenkäse im Stil des St. Maure. Wieder ein glücklicher Zufall. Seit 1991 entsteht in nahezu unveränderter Rezeptur der Golden Cross in Holmes Hill.

Ein großes Erbe

Gemischte Ziegenherde im Stall der Greenacres Farm in Holmes Hill, East Sussex

Unter ständiger Beobachtung: Über die hofeigene „Goat TV“ kann die Familie das Geschehen im Ziegenstall jederzeit digital nachverfolgen.


„Und dann stand eines Tages James Aldridge vor der Tür.“ Es war ein einschneidender Moment, erinnert sich Kevin. Während wir Gummistiefel, Haube und Schutzkittel anziehen, erfahre ich, dass Aldridge den Blunts damals das Rezept für die Flower Marie – ein kleiner, weißschimmelgereifter Käse aus Schafmilch – überlassen hatte. Und mehr noch: „Als wir die Käserei ausgebaut haben, half er uns, Konzept und Ausstattung zu gestalten.“ Ein Zeugnis dieser Zeit steht bis heute im Raum: die Käsewanne mit 600 Litern Fassungsvermögen. Ihr Vorbesitzer: James Aldridge. „Es ist ein großes Erbe, das wir angetreten haben“, sagt Kevin. „Ohne seine Unterstützung wären wir sicher nicht dort, wo wir heute stehen.“

Und doch hat sich seit den 90ern einiges getan. „Das ist unsere Goat TV.“ Kevin zeigt auf einen Bildschirm mit Live-Aufnahmen aus dem Ziegenstall. „Das hilft uns enorm. Wir können auch auf unseren Handys nachsehen – ein Stück Lebensqualität. Wenn wir ein Geräusch hören, müssen wir nicht sofort aufspringen und in den Stall rennen.“ Digitale Unterstützung, um Erholungsphasen am Abend und in der Nacht zu ermöglichen.

Die Arbeitsbelastung – zwei Melkzeiten und bis zu 550 Liter pro Tag – fordert ihren Tribut. Ihre Ziegenherde ist in den vergangenen Tagen um dreißig Jungtiere gewachsen. „Matthew füttert gerade die Neugeborenen. Wollen wir hin?“ Kevin und ich haben uns schon viel zu lange in den Reiferäumen festgeredet. Zeit ist hier – noch mehr als auf anderen Farmen – ein kostbares Gut.

Während wir uns auf den Weg zu den Ställen machen, frage ich Kevin, worauf er in den vergangenen Jahrzehnten besonders stolz sei. „Vor allem darauf, dass wir seit so vielen Jahren bei Partnern wie Paxton & Whitfield, Harvey & Brockless, The Fine Cheese Co oder La Fromagerie gelistet sind.“ Ihr größter Kunde sei The Cheeseman in Brighton, der dreihundert Golden Cross pro Woche abnehme.

„Pretty compact and pretty amazing“

Detailaufnahme einer pinkfarbenen Wäscheklammer, befestigt an reifenden Golden Cross Ziegenkäsen im Reiferaum

Farbige Wäscheklammern markieren die Produktionswoche des Golden Cross – ein keilförmiger Ziegenkäse im Stil des St. Maure.


Wir treten hinaus in diesen sonnigen Februarnachmittag. Matthew kommt uns bereits entgegen. Vorsichtig frage ich, ob beide zu einem Foto bereit wären. „Aber nicht ohne Mum.“ Sie sei hier die Seele von Golden Cross, sagt Kevin leise. Er verschwindet kurz im Wohnhaus, um sie dazuzubitten.

„A pretty compact thing, ha?“, höre ich Matthew derweil sagen. Einen Moment lang glaube ich, er spreche vom Käse. „Nein“, lacht er, „ich meine unseren kleinen Betrieb hier.“ Ein kurzer Rundgang genügt, alles liegt nah beieinander. Ziemlich kompakt eben. „Und pretty amazing“, entgegne ich. Denn während ich hier stehe – Alison ist inzwischen zu uns gestoßen –, wird sichtbar, was die Hände einer einzigen Familie über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Die Käse von Golden Cross Cheese sind vielfach ausgezeichnet. Eine besondere Ehrung sei der James-Aldridge-Award im Jahr 2001 gewesen, sagt Alison. Nicht nur wegen der Anwesenheit von Charles III., damals noch Prince of Wales. Für ihren verstorbenen Freund machten sie eine Ausnahme – und verließen tatsächlich die Farm.

„Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist nicht nur ein Job – es ist das Leben, das man gewählt hat.“ Matthew entschied sich vor mehr als zehn Jahren, hier in Vollzeit einzusteigen. „Aber es bindet natürlich an den Ort.“ Für ihn ist das kein Problem. Einmal im Jahr tankt er beim Skifahren auf, wöchentlich beim Cricketspiel. Keine Beschwerde, kein Mangel. Eher leiser Stolz – und vermutlich pure Leidenschaft für das, was sie hier in der Region seit Jahrzehnten aufrechterhalten.

Jeden Morgen Golden Cross

Kevin Blunt steht im Reiferaum der Greenacres Farm in Holmes Hill und hält eine verpackte Einheit Golden Cross Cheese in der Hand

„Stolz bin ich vor allem darauf, dass wir seit so vielen Jahren bei Partnern wie Paxton & Whitfield, Harvey & Brockless oder La Fromagerie gelistet sind.“


„Ich will, dass das hier Bestand hat.“ Neue Käse, eine größere Herde? Matthew schüttelt den Kopf. „Mum und Dad stemmen das hier alles gemeinsam – und das ist Herausforderung genug. Diese Verantwortung nach und nach allein zu tragen, ist groß. Mir reichen unsere Flower Marie, der Golden Cross und der Chabis.“

So überschaubar Hof, Stall und Käserei erscheinen – genau daraus erwächst Freiheit. Freiheit durch Begrenzung. „Diese Überschaubarkeit erlaubt mir, den Fokus zu halten. Und das fortzuführen, was meine Eltern hier mit einem klaren Bekenntnis zu Qualität statt Quantität aufgebaut haben.“

In welchem Zusammenhang ihr Käse zur Grafschaft East Sussex stehe, frage ich in die Runde. Natürlich spiele das Terroir eine entscheidende Rolle für den Geschmack ihrer Käse. „The best hay you can possibly buy – it comes from Pevensey“, wirft Alison ein. Gerade für Rohmilchkäse sei das Futter eine von vielen Variablen, die Tiefe und Ausdruck prägen.

Unpasteurisierte Milch ist für Matthew nicht verhandelbar. Sein Job als Cheesemaker bestehe darin, alle inneren und äußeren Faktoren auszubalancieren. Kevin ergänzt trocken: „Oh yes. Erst der Brexit, jetzt die aktuellen Strompreise.“

Wie gelingt es ihnen, über all die Jahre mit im Kern drei Produkten in einer Region erfolgreich zu sein, die kaum für eine tief verwurzelte Käsetradition steht? Die Stärke ihres Käses liege darin, sagt Kevin, dass er keinen vordergründigen Ziegengeschmack habe. „Pur ist er am besten“, wirft Matthew ein. Er selbst esse ihn am liebsten ganz schlicht – nur mit ein paar Crackern. Kevin lacht. „Er hat jeden Morgen seinen Golden Cross.“ Wenn ihr Sohn ihm nicht überdrüssig wird, so scheint es, werden es andere wohl auch nicht.

 

Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen. 

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