26. Oktober 2025
Cheese Stories
Rolling Cheese in Helsinki: Wie zwei Briten die finnische Käsekultur revolutionieren
Diese Cheese Story basiert auf einem ausführlichen Interview mit Nelli Steer, Mitgründerin von Rolling Cheese in Helsinki. Sie ergänzt und vertieft die Cheese Story über Peter Dörig und seinen Käse Marmori: Während dort die Perspektive eines einzelnen Produzenten im Mittelpunkt steht, öffnet sich hier der Blick auf den kulturellen Raum, in dem solche Käse in Finnland erst sichtbar werden.

Lebensmittelpunkt von Nelli und Peter Steer in ihrem Laden Rolling Cheese sind – neben der Hingabe für ihre handwerklich produzierte, internationale Käseauswahl – ihre beiden Hunde Susan und Barbara.
Es ist ein klarer Oktobertag in Töölö, Helsinki. Das Licht fällt sanft durch das frühe Herbstlaub und taucht die Straßen in einen warmen Glanz. Ich treffe Nelli Steer, Mitgründerin von Rolling Cheese, im Hauptgeschäft des Unternehmens – ein Raum, der zugleich ruhig und lebendig wirkt. Der Duft ausgewählter Käsesorten liegt in der Luft; ein sinnlicher Hinweis auf das Leben, das Nelli und ihr Mann Peter in Finnland aufgebaut haben.
Ihre gemeinsame Geschichte beginnt in London. „Wir haben 2019 in Hackney geheiratet – eine kleine Weihnachtszeremonie, mit dem Plan, im Sommer darauf in Finnland zu feiern. Doch dann kam COVID“, erinnert sich Nelli. Kennengelernt haben sich die beiden über eine Dating-App. „In Petes Profil stand, dass er sich mit Wein und Käse auskennt. Da dachte ich: Das ist der letzte Mann, den ich jemals daten werde – also sorgte ich dafür, dass er zu diesem ersten Date auch wirklich kam“, sagt sie und lacht. Ihre Beziehung, so scheint es, wuchs ebenso aus gemeinsamen Geschmäckern wie aus gemeinsamen Vorstellungen vom Leben.
Fünf Jahre nach der Gründung von Rolling Cheese ist ihr Laden heute weit mehr als ein Geschäft für hochwertige Käse kleiner Produzenten. Er ist Feinkostladen, Weinbar und Lernort zugleich – ein Ort, an dem Menschen eingeladen sind, zu probieren, zu entdecken und zu verstehen. Mit kuratierten Verkostungen und Workshops prägen Nelli und Peter Steer das wachsende Käsebewusstsein in Finnland. Ihre Arbeit steht für Geduld, Haltung und den beharrlichen Aufbau einer neuen Käsekultur.
Neuanfang in Helsinki – aber bitte mit Käse

Der schwarz-weiße Fliesenboden, von dem Peter immer geträumt hatte, war eines der ausschlaggebenden Argumente, vor fünf Jahren Rolling Cheese zu gründen.
Warum habt ihr euch 2020 entschieden, von London nach Helsinki zu ziehen?
Nelli: Wir wollten London verlassen, weil sich die Atmosphäre nach dem Brexit verändert hatte. Es fühlte sich nicht mehr wie unsere Stadt, unser Zuhause an. Wir dachten über viele Orte nach – Frankreich, Neuseeland und andere –, doch Pete sagte schließlich: „Warum probieren wir es nicht mit Finnland?“ Ich war über fünfzehn Jahre nicht mehr in meinem Heimatland gewesen, und die Idee fühlte sich wie ein Abenteuer an: eine Chance, meine Wurzeln wiederzuentdecken und gleichzeitig etwas völlig Neues zu schaffen.
Wir gaben uns zwei Jahre, um es auszuprobieren. Doch nur eine Woche nach unserer Ankunft begann der Lockdown. Ich arbeitete damals selbstständig mit einer Marketingfirma, während Pete begann, seinen Traum von einem Laden zu konkretisieren – einem Ort, an dem man Käse neu erleben konnte. Neun Monate später fanden wir das perfekte Geschäft, mit genau dem schwarz-weißen Fliesenboden, von dem Pete immer geträumt hatte. Die Wintersonne fiel durch die großen Fenster und tauchte den Raum in ein fast filmisches Licht. Es war ein klarer, stiller Tag, an dem wir das Gefühl hatten, in unser eigenes Märchen einzutreten.
Welches Potenzial habt ihr damals im finnischen Käsemarkt gesehen?
Nelli: Wir wussten, dass Finninnen und Finnen zu den größten Käsekonsumenten Europas gehören – rund 26 Kilo pro Person im Jahr. Umso mehr überraschte uns, dass es kaum noch unabhängige Käseläden gab. Die Supermärkte hatten den Markt weitgehend übernommen, und das Bedürfnis, hochwertige handwerkliche Käse zu probieren, wurde früh erstickt. Unsere Vision war es, etwas Neues zu schaffen: einen Feinkostladen, in dem man kosten darf, bevor man kauft; einen Ort, an dem Käse nicht nur Produkt, sondern Geschichte ist.
Wir begannen klein – mit unserer Straße, unserem Viertel. Es war ein Prozess, der Geduld verlangte und Vertrauen aufbauen musste. Wir wollten Menschen ermöglichen, sich neu in Käse zu verlieben und ihn auf eine nahbare Weise zu erleben. Bis heute ist Rolling Cheese der einzige Ort in Helsinki mit diesem Konzept: Laden, Weinbar und Schulungsraum in einem. Wir werden oft gefragt, ob wir etwa nach Tallinn expandieren wollen. Doch das ist unmöglich. Man kann weder Herz noch Leidenschaft noch einen Lebensstil einfach kopieren. Dieser Ort ist unser Leben, unser Wissen, unsere Hingabe.
Zwischen Großbritannien und Finnland: Zwei Käsekulturen im Vergleich
Was waren die größten Unterschiede zur britischen Käsekultur – und was hat sich seither verändert?
Nelli: Der größte Unterschied war, dass die Käsekultur hier noch im Entstehen war. In Großbritannien ist das Wissen über Käse weit verbreitet; die Menschen treten selbstbewusst in ein Käsegeschäft und wissen meist genau, was sie wollen. In Finnland hingegen dominieren industrielle Molkereien, die rund 90 Prozent des Marktes kontrollieren. Eine Kultur des Einkaufs in kleinen Fachgeschäften gab es kaum, und viele verstanden anfangs nicht, was wir aufbauen wollten. Unser erster Laden war klein, doch nach anderthalb Jahren expandierten wir.
Immer mehr Menschen kamen regelmäßig – häufiger, als wir erwartet hatten. Heute vertrauen etwa 75 Prozent unserer Kundinnen und Kunden vollständig unseren Empfehlungen. Sie lassen sich auf neue Sorten und Regionen ein – ein deutlicher Unterschied zu Großbritannien, wo Kundschaft oft mit festen Vorstellungen kommt. Diese Offenheit und Neugier bedeutet aber auch, dass wir unser Team besonders gründlich schulen müssen. Wenn Kundinnen und Kunden ihren Wein mitbringen, bringen wir unsere Expertise ein – mit dem passenden Pairing und der Geschichte dahinter.
Wie bildet ihr dafür eure Mitarbeitenden aus?
Nelli: Die Ausbildung bei Rolling Cheese umfasst mehrere Ebenen. Unsere Mitarbeitenden besuchen in Großbritannien die Cheese Academy, Level 1 und 2. Auch wenn wir hier alle fünfzig für das Zertifikat erforderlichen Käsesorten im Sortiment führen, ist es uns wichtig, dass sie vor Ort eine weiter entwickelte Käsekultur erleben, Käsemacherinnen, Käsemacher sowie Affineure treffen und dieses Wissen nach Helsinki zurückbringen. Daran schließt sich unsere interne Ausbildung an, die sich über ein Jahr erstreckt. In dieser Zeit lernen sie, Käse fachgerecht zu schneiden, zu verpacken, zu lagern und zu pflegen. Bislang haben sechs Vollzeitmitarbeitende bei uns die Zertifizierung als Käseexperten erlangt. Entscheidend sind für uns Leidenschaft und Haltung – Menschen, die bereit sind, wirklich in die Käsekultur einzutauchen.
Eine Frage der Verantwortung – und Haltung
Warum gibt es in eurem Sortiment aktuell nur einen finnischen Käse?
Nelli: Wir konzentrieren uns bewusst auf kleine Produzenten. Finnland wird seit jeher von großen Verbänden wie Valio und Arla geprägt, die auf Massenproduktion setzen. Kleinere Betriebe haben es schwer, weil Industriemilch zu stark verarbeitet ist – aus „toter Milch“ lässt sich kein guter Käse herstellen.
Der eine finnische Käse, den wir führen, ist der Marmori von Peter Dörig aus Sastamala. Er ist Schweizer, lebt jedoch seit über dreißig Jahren in Finnland und entwickelt neue Käsesorten aus lokaler Milch. Für uns ist er ein Lichtblick auf dem Markt, der zeigt, wohin es gehen kann: echt, mutig und leidenschaftlich. Eine tragfähige handwerkliche Käseszene aufzubauen, wird jedoch noch viele Jahre benötigen.
Wie würdet ihr eure gemeinsame Käsephilosophie in einem Satz beschreiben?
Nelli: Wir arbeiten mit Produzenten, die Natur, Tier und Mensch wertschätzen. Die meisten unserer Partner sind Hofkäsereien: Sie stellen nicht nur den Käse her, sondern halten auch die Tiere, die die Milch geben. Diese Verbindung ist essenziell. Der Käser kennt jede Kuh, jede Ziege, jedes Schaf beim Namen – er nennt sie „seine Mädchen“. Wenn Tiere gut ernährt, gesund und zufrieden sind, spiegelt sich das in der Milch wider.
Wir sagen immer: Glückliche Tiere geben gute Milch, und gute Milch macht großartigen Käse. Eine einfache Wahrheit, die man schmecken kann. Diese Integrität hat ihren Preis. In einem Land, das stark von industrieller Produktion geprägt ist, ist es noch schwierig, solche Produkte zu verkaufen. Dennoch glauben wir, dass dies der Weg in die Zukunft ist: ehrliches Essen, hergestellt mit Sorgfalt und Respekt in jedem einzelnen Schritt.
Lernen, lehren und probieren: Käse als kulturelle Praxis
Ist eure Vision mit Rolling Cheese nach fünf Jahren erfüllt?
Nelli: Nach der Eröffnung unseres zweiten Ladens haben wir kurzzeitig den Fokus verloren – und erkannt, dass Wachstum um des Wachstums willen nicht unser Ziel ist. Eine Sache mit ganzem Herzen zu tun, ist besser als zwei halbherzig. Also kehrten wir zu unseren Wurzeln zurück: ein Raum, eine Gemeinschaft, eine klare Vision. Pete und ich lieben es, jeden Tag Seite an Seite zu arbeiten. In dieser Phase der Reflexion wurde unser Ziel wieder klarer, Qualität, Authentizität und menschliche Verbindung in den Mittelpunkt zu stellen.
Zu Beginn von Rolling Cheese boten wir keine Events oder Schulungen an; heute sind sie ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir geben Kurse, führen Verkostungen durch und erzählen Geschichten – nicht nur über Käse, sondern über die Menschen und Orte dahinter. Es geht um Kontext, Verständnis und Respekt für das Handwerk. Und wir bleiben unserem Glauben treu, dass Käse zugänglich bleiben muss: hochwertig, ja – aber kein Luxusgut.
Wie reagieren jüngere Generationen in Finnland auf Käse?
Nelli: Jüngere Generationen sind deutlich mutiger als ältere. Sie probieren Sorten, die sie zuvor noch nie gekostet haben. Ältere Menschen bevorzugen häufig traditionelle, schweizerisch geprägte Käse – je kräftiger, desto besser, idealerweise begleitet von einem schweren Rotwein. Dahinter liegt eine Form von Nostalgie, eine Ehrfurcht vor der europäischen Käsetradition, die im späten 19. Jahrhundert nach Finnland kam. Historisch ist das gut erklärbar: Ab etwa 1800 reisten viele erfahrene Käsemacher, vor allem aus der Schweiz, nach Finnland, um die ersten Molkereien aufzubauen. Sie brachten nicht nur ihr Handwerk mit, sondern auch klare Vorstellungen davon, wie Käse schmecken sollte – gereift, kräftig, charakterstark. Diese Einflüsse prägen den finnischen Geschmack bis heute.
Finnisches Terroir neu gedacht

Der aktuell einzige finnische Käse in der Auslage von Rolling Cheese: Peter verpackt den Marmori von Peter Dörig und seiner Käserei Herkkujuustola – ein finnischer Käse zwischen alpiner Präzision und lokalem Terroir.
Gibt es einen unterschätzten finnischen Käse oder eine Region, die internationale Anerkennung verdient?
Nelli: Marmori ist dafür das beste Beispiel. Es geht nicht um Medaillen oder Preise, sondern um Authentizität und Innovation. Marmori verkörpert beides: ein Käse, der Tradition und Erneuerung verbindet. Sein Hersteller, Peter Dörig, bringt die Präzision alpiner Käsekunst mit guter finnischer Milch zusammen. Sein jüngstes Werk, Marmori, ist inspiriert von Morbier und Appenzeller – eine Art Cuvée, die zugleich vertraut wirkt und dennoch neu ist. Kürzlich stellte Peter den Käse in New York bei Murray’s Cheese vor – mit großem Erfolg. Diese Anerkennung ist wichtig, denn sie zeigt, dass Finnland bereit ist, im globalen Käsedialog mitzuwirken: nicht durch Nachahmung, sondern durch eigene Handschrift. Peter kopiert keinen Schweizer Käse; er übersetzt seine Herkunft auf finnisches Terroir.
Genau solche Ansätze unterstützen wir – als Ausgangspunkt für eine eigenständige Käsekultur in Finnland. Ich hoffe, dass mehr kleine Produzenten diesem Beispiel folgen: mutig sein, experimentieren und Menschen über gutes Essen wieder miteinander verbinden. Denn gutes Essen schafft im Kern etwas sehr Einfaches – und zugleich Entscheidendes: Gemeinschaft.
Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen.