8. Oktober 2025
Projekt I Ausdauernde Perfektion

Kevin Falk Lupp: „Qualität meint für mich nicht immer das allerbeste Produkt.“

Mit 34 Jahren kehrte der gebürtige Berliner Kevin Falk Lupp der Fine-Dining-Szene den Rücken und ging zurück zu den Ursprüngen.


Dieser Mann hat wohl alle Facetten der Gastronomie durchlebt – und doch ist eine Konstante stets geblieben: seine Heimat Berlin. Während viele seiner Berufskollegen in die Ferne ziehen, internationale Stationen absolvieren und ihre Lebensläufe möglichst breit auffächern, war das für Kevin Falk Lupp nie die oberste Priorität. Der gebürtige Berliner hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren vielmehr in der Vielfalt seiner Stadt ausgetobt, Erfahrungen gesammelt und seine Werte geschärft. Die Hauptstadt bot ihm Bühne und Labor zugleich – von feiner Spitzengastronomie bis zu bodenständiger Kiezküche. Im Februar diesen Jahres nahm sein beruflicher Werdegang jedoch eine überraschende Wendung. Der heute 34-Jährige tauschte Kochlöffel gegen PC und Telefon, um als Ansprechpartner für B2B-Gastro & Restaurants für das Gut Kerkow in der Brandenburger Uckermark nachhaltige Brücken zur Berliner Gastronomie zu schlagen. Doch dabei blieb es nicht lange. Getrieben von Tatendrang initiierte Kevin die ersten Farm-to-Fire-Dinner, brachte Menschen an Herd und Feuer zusammen und intensivierte zugleich die Zusammenarbeit mit tipBerlin-Events. Von der Spitzengastronomie zurück zu den Ursprüngen – zu Regionalität, Nähe und echter Begegnung: Kevin, wie fühlt es sich an, diesen Kreis zu schließen?
 

Das Gut ist ein in sich geschlossener Kreislauf und die nachhaltigste Variante, Fleisch für Berlin und Brandenburg zu produzieren. [© Gut Kerkow]


Kevin: Die Arbeit hier bedeutet mir wirklich viel. Denn für mich schafft das Gut und sein in sich geschlossener Kreislauf die nachhaltigste Variante, Fleisch für Berlin und Brandenburg zu produzieren. Wir erzeugen hier genau das richtige Produkt, das der Gast am Ende mit seiner kompletten Entstehungsgeschichte genießen kann. Ich habe selbst jahrelang als Koch nach einem solchen Produkt gesucht: Fleisch mit der nötigen Qualität und Nachhaltigkeit, die es braucht, um zu bestehen. Alles fängt bei uns beim Futter an – das bauen wir selbst an, um uns unabhängig von fremden Produkten zu machen. Danach folgen bewusste Entscheidungen: Was passiert mit den Kälbern? Wie gehen wir mit dem Fleisch der jeweiligen Tiere um? Und vor allem: Wie können wir es unseren Abnehmern möglichst schmackhaft anbieten? Wir zerlegen das Fleisch direkt auf dem Hof, sodass wir kaum noch etwas outsourcen müssen. 
 

Ein bunter Werdegang liegt hinter Kevin: Links im EUREF-Campus 2017, zwei Jahre später im Leimers als Küchenchef.


Dein bisheriger gastronomischer Werdegang ist sehr vielfältig. Nun bist du erstmals in einer Position, in der du den Kochlöffel gegen PC und Telefon eingetauscht hast. Wie kam es zu diesem Schritt?
Kevin: Schon früh habe ich mir meinen Lebensunterhalt in der Gastronomie verdient – man könnte sagen, ich bin ein echtes „Gastrokind“. Nach meinem Fachabitur wollte ich eigentlich zur Polizei, genauer gesagt in den gehobenen Dienst. Doch damals wurde in dieser Laufbahn niemand eingestellt. Also habe ich mich für eine Ausbildung zum Koch im Maritim-Hotel entschieden. Nach einem halben Jahr wechselte ich ins Intercontinental. Dort konnte ich mich schnell beweisen und wurde schon bald in die Sternegastronomie berufen. Mit viel Fleiß und Leidenschaft habe ich mich bis zum Küchenchef im „Oberstübchen“ hochgearbeitet. Diese Position blieb dann auch in den folgenden Jahren bestehen: Ich war Küchenchef im Leimers in Frohnau und wurde 2017 schließlich ins 1687 abgeworben. Mit unserem Fine-Dining-Konzept haben wir es bis in den Guide Michelin geschafft. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mit dem wachsenden Druck Richtung Stern auch Erwartungen an Küche und Service gestellt werden, die ich nicht erfüllen wollte – und für die ich mich hätte verstellen müssen.
 

„Mein erstes größeres Projekt war das Farm-to-Fire-Dinner im Mai, mit dem wir unsere Produkte direkt und vor Ort erlebbar machen.“ [© Gut Kerkow / tipBerlin]


Und dann wurdest du aus der Küche hier ins Gut abgeworben.
Kevin: So ähnlich. Es ging am Ende tatsächlich über Kontakte. Im Weinladen Schmidt, wo ich privat meine Weine kaufe, verstehe ich mich gut mit dem Filialleiter. Der wiederum war befreundet mit dem damals hiesigen Geschäftsführer – und genau der war gerade auf der Suche nach jemandem, der den Vertrieb für die B2B-Gastronomie auf dem Gut Kerkow übernimmt. So kam eins zum anderen. Seit einem halben Jahr bin ich nun hier.

Und wie hat sich der Sprung in die Bürowelt für dich angefühlt?
Kevin: Es war und ist eine große Umgewöhnung und etwas ganz anderes: Von teils 80-Stunden-Wochen im Volldampf-Modus ging es plötzlich an die sitzende Arbeit am PC. Gleichzeitig habe ich hier schnell Potenzial gesehen. Mein erstes größeres Projekt war das Farm-to-Fire-Dinner im Mai, mit dem wir unsere Produkte direkt und vor Ort erlebbar machen. Daneben habe ich die Zusammenarbeit mit dem tipBerlin intensiviert und sehe, dass unsere Produkte vor allem durch den persönlichen Kontakt am besten wirken.
 

Nach den Events lädt das seit 2024 mit viel Liebe zum Detail restaurierte Gutshaus zum Wohlfühlen und Erholen ein. [© Gut Kerkow / tipBerlin]


Wie können wir uns das konkreter vorstellen?
Kevin: Aus Weinmahleins-Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem tip ergeben sich auch direkt Kunden für uns. Das REMI ist dafür das beste Beispiel – Lode van Zuylen ist ja ohnehin schon sehr bedacht in der Produktauswahl. Der Kontakt kam damals über Clemens Niedenthal vom tipBerlin, hier im Prinzip der Experte und Ansprechpartner für alles, was durch den Magen geht. Er verantwortet auch die Weinmahleins-Events, eine vom tipBerlin veranstaltete kulinarische Reihe, bei der in wechselnden Restaurants Mehrgang-Menüs mit passender Weinbegleitung serviert werden. So entstand der persönliche Kontakt zu Lode, einer von wenigen, die sofort mit dabei waren. 

Aber das erstmalige Farm-to-Fire-Dinner als Naturerlebnis mit Guthof-Atmosphäre und Show-Küche wurde doch förmlich überrannt.
Kevin: Für Gastronomen ist das eine größere Herausforderung als für die Gäste – sie müssen wortwörtlich aus ihrer Komfortzone herausfahren und auf offenem Feuer höchste Qualität liefern, das ist ein Risiko. Für die Gäste dagegen entsteht etwas ganz Besonderes: Den klassischen Restaurantbesuch kennt man, aber die ungezwungene Atmosphäre draußen, das Naturerlebnis und das bewusste Rausfahren machen den Reiz aus. Dazu kommt die Exklusivität – wir bieten die Veranstaltungen nicht regelmäßig an, sie sind sehr begehrt, und wer dabei ist, hat dieses einmalige „Ich-war-dabei“-Gefühl.

Was zeichnet die Zielgruppe dieser Events aus?
Kevin: Unser Ansatz ist, ein sehr gutes, hochwertiges Grundprodukt zu schaffen – und das spricht vor allem Menschen zwischen 30 und 45 Jahren an, die noch Fleisch essen, gerne Wein trinken, aber nicht zwangsläufig den klassisch hochgeschwefelten vom bekannten Weingut wollen. Sie suchen nach etwas Neuem, nach einem besonderen Erlebnis. Im Kern gibt es also zwei Kundentypen: beide qualitätsbewusst, aber diejenigen, die hier ein Farm-to-Fire-Dinner erleben wollen, schätzen den Ursprung und die Geschichte zum Stück Fleisch auf dem Teller. Deshalb bedeutet für uns Qualität nicht immer das teuerste und beste Produkt, sondern das Beste aus einem Produkt mit Leidenschaft herauszuholen.
 

„Der Ursprungsbezug und die Nachhaltigkeit werten unser ohnehin hochwertiges Fleisch zu einem Spitzenerlebnis auf.“ [© Gut Kerkow / tipBerlin]


Nimmst du eine veränderte Nachfrage in Bezug auf Qualität wahr – sowohl bei den Gastronomen als auch im Endkundengeschäft?
Kevin: Unser Rindfleisch ist im deutschlandweiten Vergleich vielleicht nicht das Beste, das Gastronomen finden können – das muss man ehrlich sagen. Aber was in B2B wie auch B2C enorm an Bedeutung gewonnen hat, ist das Storytelling. Für Restaurants und Gäste ist der Footprint immer wichtiger geworden. So wie man beim Wein gerne sagt: „Wir kennen unseren Winzer persönlich“, schaffen wir das hier mit dem Fleisch. Der Ursprungsbezug und die Nachhaltigkeit werten unser ohnehin hochwertiges Fleisch zu einem Spitzenerlebnis auf. Dabei spielt für die Gastronomie weniger das Bio-Siegel eine Rolle, sondern vielmehr die individuellen Möglichkeiten, die wir bieten. Beim Restaurant Kramer in Neukölln etwa, das mit offenem Grill arbeitet, wollten sie ein Entrecôte mit den oberen Fettkappen dran – das kann man nicht mal eben in Argentinien bestellen, das geht nur mit einem Partner wie uns.

Hast du der Gastro nun für immer den Rücken gekehrt? Welche Ziele verfolgst du hier auf dem Gut persönlich?
Kevin: Natürlich fehlt mir das tägliche Adrenalin am Herd und auch das Gefühl, handwerklich etwas vollbracht zu haben. Und dennoch ist es mir derzeit primär wichtig, dass das Gut Kerkow in aller Munde ist. Wir wollen selbst auswählen können, mit wem wir zusammenarbeiten und alle unsere Produkte an unsere Partner vollständig weitergeben – vorzugsweise an diejenigen, die unsere Ideologie einer nachhaltigen, regionalen Küche teilen. Gleichzeitig muss der ganze Apparat hier als einer der größeren Arbeitgeber in der Region nachhaltig und wirtschaftlich funktionieren. Wenn wir diese Ziele in sich geschlossen erreicht haben, können wir uns auch irgendwann weiter Richtung Brandenburg öffnen. Der Radius ist aktuell noch nicht ausgeschöpft, meine Arbeit hier hat gerade erst begonnen. Die nächsten Events stehen vor der Haustür und es gibt einiges zu tun!

 

 

Gut Kerkow
Greiffenberger Str. 8, 16278 Angermünde 
Webseite: www.gut-kerkow.de
Instagram: www.instagram.com/gutkerkow

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