11. Oktober 2025
Projekt I Ausdauernde Perfektion

Mical Rosenblat: „Macht dir Fine Dining noch Spaß?“

Seit Juni mit dem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet: „Dass wir diese Wertschätzung jetzt für unsere Arbeit erhalten haben – und ich hätte nie gedacht, jemals in meinem Leben so viel zu arbeiten – ist einfach großartig.


Ob ich nicht doch lieber reingehen möchte, fragt mich Mical Rosenblat umsichtig nach einer halben Stunde Interviewzeit. Wir sitzen an einem schattigen Freitagnachmittag im August draußen an der Ritterstraße vor ihrem Restaurant Loumi in Berlin-Neukölln. Seit dem 17. Juni trägt es – für viele wenig überraschend – den ersten Michelin-Stern. In wenigen Tagen kehren Mical, Mitgründer Karl-Louis Kömmler samt fünf neuer Gesichter im Team aus der wohlverdienten Sommerpause in den Restaurantalltag zurück, die intensiven Küchenvorbereitungen laufen bereits. Ja, mir ist kalt, doch auf keinen Fall möchte ich den so natürlichen, authentischen und reflektierten Gesprächsfluss mit Mical unterbrechen. Über ihre Erfolgsgeschichte „Vom Supper Club zum Sternerestaurant“ ist in den Medien ausführlich berichtet worden. Doch was haben die letzten zwei Jahre Restaurantalltag mit ihr persönlich gemacht? Wie definiert sie Erfolg für sich selbst, nachdem sie als Gastronomin im Rekordtempo alles erreicht hat? Aber zunächst einmal: Mical, konntest du deinen Urlaub genießen?
 

Geboren in New York, aufgewachsen in Hamburg, Graduation 2015 in Glasgow und direkt in die Berliner WG-Küche 2016.


Mical: Ich war in Südfrankreich, Lissabon und Südtirol – es war viel los und trotzdem ein wunderschöner Urlaub. Nach zehn Jahren in Berlin merke ich, wie wichtig es für mich ist, rauszukommen, um neue Energie zu tanken: mit frischen Impulsen, viel Natur und am liebsten gemeinsam mit meiner Familie. Meine Wohnung in Mitte mag ich sehr, aber man wird älter, geht nicht mehr ständig aus und nimmt Veränderungen der Stadt bewusster wahr. Wenn ich die Zeit habe, zieht es mich deshalb meist an ruhigere Orte – oder nach Hamburg.

Wo du den Großteil deiner Kindheit verbracht hast.
Mical: Genau. Ich bin ursprünglich in New York geboren, meine Eltern haben damals in den Staaten gelebt. Aus beruflichen Gründen sind wir schon ein Jahr später nach Hamburg gezogen – der Bezug zu den USA ist aber bis heute geblieben. Noch immer bin ich jedes Jahr in New York. Dort bin ich als Kind das erste Mal mit Gastro am Strand von Long Island in Berührung gekommen.

Mehr Details bitte!
Mical: Es gab dort immer diesen Ice-Cream-Truck mit den beiden hübschen Verkäuferinnen, die ich – vermutlich war ich zehn Jahre alt – total angehimmelt habe. Irgendwann begann ich selbst, dort Eis zu verkaufen, und bin jeden Sommer dabeigeblieben. Es hat mir einfach Spaß gemacht, Dinge für andere zuzubereiten – egal ob Hotdog, Ice Cream oder Ice Tea. Und ganz nebenbei habe ich dort gleich den Service am Strand optimiert.
 

„Es muss vor etwa drei Jahren gewesen sein, dass genau diese Location hier frei wurde – ein Ort, den ich mit seiner Größe, dem Schnitt und Design schon immer super gern mochte. 


Und trotzdem hast du dich entschieden, Kunstgeschichte zu studieren.
Mical: Gastronomie kam für mich als Beruf nie in Frage. Nach dem Abitur ging es für das Kunstgeschichtsstudium erst einmal nach Schottland und London. Vor rund zehn Jahren bin ich dann mit meiner damaligen Freundin nach Berlin gezogen – viele Freundschaften aus Hamburg hatten sich inzwischen ohnehin hierher verlagert, und ich hatte Lust auf die Hauptstadt. Lange habe ich in der Kunst gearbeitet. Aber immer nur Innenraum, immer nine to five? Nach und nach habe ich für mich festgestellt, dass mir die Kunstszene zu oberflächlich ist und es vielen um die falschen Dinge geht. Und dann durch Zufall Karl-Louis kennengelernt.

Was war dein erster Gedanke, als du Karl-Louis zum ersten Mal begegnet bist?
Mical: Das war bei einem Freund von mir, er wohnte im selben Haus. Meine Wohnung war noch nicht ready und ich habe erstmal bei ihm übernachtet. Vom ersten Augenblick an verstanden sein Mitbewohner Karl-Louis und ich uns richtig gut – wir sprachen eine sehr ähnliche Sprache und teilten denselben Blick auf die Welt. Schnell wurden wir beste Freunde und konnten gemeinsam unserer Kochleidenschaft nachgehen. Fast jeden Abend stand daher etwas Neues auf dem WG-Tisch.

Die Erfolgsgeschichte „Vom Supper Club zum Fine-Dining-Restaurant“ kennen die meisten. Wer von euch beiden hat das erste Mal konkret ausgesprochen, dass ihr euch auf die Location-Suche für ein Restaurant begeben solltet?
Mical: Die eher flüchtige Idee vom eigenen Restaurant schwebte bei uns beiden schon lange in den Köpfen. Wenn es dann aber konkret wird, muss man sich den Traum auch wirklich leisten können und wollen. Welche Verantwortung gehe ich hier ein? Wollen wir jetzt wirklich all in gehen? Seit zwei Jahren betreiben wir nun das Loumi und es muss vor etwa drei Jahren gewesen sein, dass genau diese Location hier frei wurde – ein Ort, den ich mit seiner Größe, dem Schnitt und Design schon immer super gern mochte. So wie vieles auf unserem Weg kam auch das von außen und hat sich organisch entwickelt.
 

Dass wir diese Wertschätzung jetzt für unsere Arbeit erhalten haben – und ich hätte nie gedacht, jemals in meinem Leben so viel zu arbeiten – ist einfach großartig.


Stand das fertige Loumi-Konzept bereits am Eröffnungstag im September 2023?
Mical: Nein, das hätte auch gar nicht zu uns gepasst. Ich bin eher flatterhaft und ein Zwilling, während Karl-Louis der Strukturiertere von uns beiden ist. Auch unser Selbststudium, all die Praktika und Stationen zuvor passierten Schritt für Schritt und waren nie an einen konkreten Plan gebunden. Selbst bei Eröffnung war noch nicht ganz klar, ob wir die Supper-Club-Abende erst einmal weiterführen oder direkt mit festen Restaurantzeiten aufmachen.

Wovor hattest du vor der Eröffnung des eigenen Restaurants – trotz Supper-Club-Erfahrungen im Rücken – am meisten Respekt?
Mical: Ich hatte große Angst zu scheitern. Würden überhaupt Gäste kommen? Müssten wir – damals zu dritt – nach kurzer Zeit wieder schließen, weil wir nicht so angenommen werden, wie wir es uns erhofft hatten? Doch irgendwie hat es funktioniert. Ich will nicht sagen, dass es Glück war. Vielleicht liegt es am Herzblut, das wir hineinstecken. Vielleicht aber auch daran, dass das, was wir machen, und unser Konzept wirklich gut sind.

Der tipBerlin schreibt: „Das Loumi in Kreuzberg definiert die Zukunft des Fine Dining in Berlin.“ Was macht euch progressiver als andere? Warum funktioniert euer Konzept so gut?
Mical: Wir legen sehr viel Wert auf die allerbeste Qualität unserer Produkte. Das ist aber nur der eine Teil. Mindestens genauso wichtig ist uns der Spaß an der gesamten Experience. Ich möchte, dass sich die Gäste von der ersten Sekunde an abgeholt, angenommen und wohl fühlen. Dazu gehören die Akustik, unsere mittlerweile 800 Songs lange Playlist aus den 70ern und 80ern, toller Wein und ein lockeres Miteinander. Unser Team strahlt Offenheit aus und ist jederzeit ansprechbar. Klassisches Fine Dining, so wie wir es aus Frankreich kennen, wird aus meiner Sicht langfristig nicht mehr funktionieren. Es soll nicht nur schmecken – es muss auch Spaß machen!
 

Wir haben einen Ort geschaffen, an dem wir selbst gerne sind.


Habt ihr euch dabei an bestimmten Vorbildern orientiert?
Mical: Wir haben einfach einen Ort geschaffen, an dem wir selbst gerne sind. Vor wenigen Wochen habe ich hier als Gast mit zehn Personen meinen 34. Geburtstag gefeiert – und bin mit dem Gedanken nach Hause gegangen: Das war nicht nur lecker, das war alles in allem einfach rund. Und offensichtlich geht es vielen unserer Gäste genauso.

Hat sich der Spaß für euch – aber auch bei den Gästen – seit der Sterneauszeichnung verändert?
Mical: Das Publikum ist anders geworden und kommt mit einer anderen Erwartungshaltung: „Also, das für einen Stern?“ Natürlich vergleichen die Gäste uns mit anderen Sternerestaurants. Und wir machen uns selbst Druck, den Stern nun auch halten zu wollen – obwohl er mir persönlich nie so wichtig gewesen ist. Das ist eher ein Gedanke, der von außen herangetragen wurde. Schon kurz nach der Eröffnung hörten wir von vielen Gästen: „Also, ihr würde euch mindestens zwei Sterne geben.“ Da beginnt man, konkreter zu träumen und auf diesen Traum hinzuarbeiten. Dass wir diese Wertschätzung jetzt für unsere Arbeit erhalten haben – und ich hätte nie gedacht, jemals in meinem Leben so viel zu arbeiten – ist einfach großartig.
 

Mehr Spaß baue ich mir im Alltag jetzt Schritt für Schritt wieder ein – weniger Loumi, mehr skaten und lesen!.“


Und doch werden die letzten zwei Jahre nicht spurlos an dir vorbeigegangen sein.
Mical: Ich bin eigentlich ein Mensch, der sehr gerne allein ist. Seit der Eröffnung rede ich jedoch von der ersten Sekunde an – seit über zwei Jahren bin ich permanent im Austausch mit Lieferanten, Gästen und dem Team und dabei ständig abrufbar. Den Social Overload am Ende eines Abends habe ich unterschätzt und wie viel Energie all das kostet. Als extrovertierter Mensch kann ich den Schalter umlegen und bin nach wie vor unglaublich gern für unsere Gäste da. Aber ich habe rückblickend zu oft vergessen, mir auch Zeit für mich selbst zu nehmen – obwohl ich mir das als Chefin natürlich herausnehmen dürfte.

Sehnst du dich deshalb manchmal nach den guten alten Supper-Club-Zeiten zurück?
Mical: Damals gab es weniger Verantwortung und vielleicht auch mehr von den kleinen, alltäglichen Freuden. Aber man entwickelt sich weiter, und ich bereue keine einzige Sekunde, keine einzige Entscheidung, die wir gemeinsam getroffen haben. Mehr Spaß baue ich mir im Alltag jetzt Schritt für Schritt wieder ein – weniger Loumi, mehr skaten und lesen! Es ist einfach wichtig, sich zu überlegen: Wie möchte ich mein Leben langfristig gestalten? Wie mag ich mich selbst am meisten? Und das kann nur ich selbst angehen.

Wenn man wie du als Spitzengastronomin binnen kürzester Zeit alles erreicht hat, wie definierst du dann Erfolg für dich? Wo darf es die nächsten Jahre hingehen?
Mical: Wir schauen erst einmal, was hier in unserem kleinen Restaurant möglich ist und greifen nach wie vor täglich an. Vielleicht haben wir in ein paar Jahren ein oder zwei weitere Restaurants. Ich wäre dann zurückgezogener, weniger im Tagesgeschäft aktiv. Das wichtigste ist aber jetzt gerade, dass die Gäste nach wie vor mit uns happy sind. Das füttert uns. Wenn sie weiterhin Spaß mit uns haben, dann sind wir erfolgreich. 

 

 

Loumi
Ritterstr. 2, 10969 Berlin
Webseite: www.loumi-dining.de
Instagram: www.instagram.com/loumidining

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