25. März 2026
Cheese Stories
Bedingungslose Tierliebe und Bullerbü-Idylle: Sarah Spindler auf dem Karolinenhof
Diese Cheese Story basiert auf einer Begegnung mit Landwirtin und Käserin Sarah Spindler im brandenburgischen Kremmen auf dem Karolienen. Dieser steht – analog zu Sibylle Himstedts Hof im Greth und dem Biolandbetrieb Obermayer im Wendland – exemplarisch für eine neue Generation des deutschen Käsehandwerks: getragen von festen Grundwerten, regionaler Direktvermarktung und der Suche nach einem anderen landwirtschaftlichen Rhythmus.

Mehr Käserin oder mehr Landwirtin? Mehr Stadt oder mehr Land? Die 37-jährige Sarah Spindler „kann beide Welten gut.“
Eigentlich ist es hier ziemlich überschaubar. Zumindest das Ankunftsareal des insgesamt 33 Hektar großen Karolinenhofs in Kremmen – eine knappe Autostunde nordwestlich von Berlin entfernt. Man fährt vorne auf den Parkplatz und kommt nicht umhin, von dem rostrot gestrichenen Gebäudeensemble mit Hofcafé, verspielten, fast versteckten Details und einem kunterbunten Spielplatz umgehend entzückt zu sein. Erst dahinter führt ein etwa 100 Meter langer Weg weiter zu den Ställen und zur Käserei.
Und doch brauchen Sarah Spindler und ich ein paar Momente, um hier zueinander zu finden – an einem Ort, der seit mehr als zehn Jahren ihr Zuhause ist. Wir sind an diesem Märztag um 12 Uhr verabredet, das Wetter ist auf unserer Seite, und die 37-Jährige ist nach einer heftigen Erkältung wieder fit. Ob sie sich die vor wenigen Tagen beim Konzert von Florence & the Machine in Berlin eingefangen hat?
Sarah ist in Mecklenburg-Vorpommern geboren, hat den Großteil ihres Lebens im pulsierenden Prenzlauer Berg verbracht und lebt seit 2010 mit ihrem Mann Basti hier im havelländischen Luch. „Ich kann beide Welten gut.“ Mit ihrer besten Freundin übers Wochenende nach Paris reisen und zugleich den strukturierten Landwirtschaftsalltag auf dem Hof schätzen. Für ein Konzert nach Berlin fahren und doch froh sein, den Trubel der Hauptstadt daheim auf dem Land, in ihrer Bullerbü-Idylle, hinter sich zu lassen. Größer könnten Kontraste in Sarahs Leben kaum sein.
Bereits nach wenigen Momenten unserer Begegnung wird klar, dass diese Frau eine Vollblutkäserin ist – Landwirtin vielleicht noch eine Spur mehr. Denn die Liebe zu ihren Tieren ist kaum in Worte zu fassen. Sie ist alles andere als einen geradlinigen Weg gegangen und hat dabei eine Richtung eingeschlagen, die ihrem Naturell eigentlich so gar nicht entspricht. „Ich bin mehr Melkerin als Unternehmerin.“
Und doch ist es Sarah in den vergangenen zehn Jahren mehr als einmal gelungen, aus ihrer Komfortzone herauszutreten, daran und über sich selbst hinaus zu wachsen – während sie ihren Grundwerten stets treu blieb. Sie hat gelernt, vermeintlich antagonistische Welten und Charakterzüge geschickt auszubalancieren – und genau das mittlerweile in vollen Zügen zu genießen.
Gesucht und gefunden

Alles liegt dicht beieinander in dieser rostbraunen Bullerbü-Iydlle voll verspielter Details: Sarah und Bastis Wohngebäude grenzt unmittelbar an das Hofcafé.
Als wir uns vor dem Hofcafé – hier gibt es vom Ziegengulasch bis zum Ziegenkäsekuchen alle erdenklichen Köstlichkeiten von der Ziege – endlich „gesucht und gefunden“ haben, kommen wir nicht umhin, den sich anbahnenden Frühling um uns herum zu bestaunen. „Und du musst dir mal vorstellen, wie die Natur erst in ein paar Wochen explodiert. Ich wohne hier einfach so geil. Und wenn ich meine Leute in Berlin treffen möchte, bin ich in unter einer Stunde da.“
Landwirtschaft sei natürlich anstrengend, und es wäre schon schön, sich ab und an abends eine Pizza bestellen zu können. „Aber das, was ich hier habe, möchte ich nicht mehr missen.“ Berlin liegt vor der Haustür. Und dieses Bewusstsein gibt ihr hier zwischen Feldern, Wiesen und weitem Himmel eine stille Form von Freiheit. Ihr Zuhause liegt mittlerweile in Kremmen. Deshalb: Kochen statt Lieferdienst – und das in Bio-Qualität, die ihresgleichen sucht. Gestern Abend hat sie Hühnersuppe zubereitet. „Unser Huhn hat hier auf den Flächen glücklich gelebt, das Gemüse kommt aus unserem Garten. Besser geht es doch nicht.“
Zuerst Käserei oder zuerst in die Ställe? Ich merke, dass es sie mehr zu ihren Tieren zieht, doch die Entscheidung fällt pragmatisch: „Lieber zuerst in die Käserei, bevor wir mit dem ganzen Stroh paniert sind.“ Hier kommt uns Bernie entgegen. „Der unterstützt mich zweimal in der Woche.“ An den anderen fünf Tagen steht Sarah selbst in der Käserei. Aktuell schwanken die Milchmengen stark: Viele Zicklein sind bereits geboren, noch mehr werden erwartet.
Tierwohl und Transparenz
Die Milchprodukte aus der Käserei des Karolinenhofs sind Bio. Das Ziegenfleisch dürfen sie jedoch nicht mehr als solches deklarieren. „Unser jetziger Schlachter ist eigentlich Schäfer, der hat einen Schlachtraum. Der liebt seine Tiere – und so behandelt er unsere auf ihren letzten Metern auch. Er hat kein Bio-Siegel, deshalb können wir unser Ziegenfleisch seit 2020 nicht mehr als Bio verkaufen.“
Das Bio-Siegel sei weit weniger entscheidend als das Wohlergehen der Tiere. Und genau so erklärt sie es auch ihren Kundinnen und Kunden, die es vermutlich gar nicht mitbekommen würden. Doch Transparenz ist Sarah wichtig – deshalb steht es sogar in der Speisekarte.
„Ich glaube sogar, dass wir mehr Geld verdienen könnten, wenn wir nicht Bio wären, gerade durch die Direktvermarktung.“ Die Kosten für Bio-Futter sind enorm gestiegen, die Preise für die Kontrollen trägt der Betrieb selbst. „Aber es ist meine Überzeugung – konventionell kommt nicht in Frage.“
Wachsen ebenfalls nicht. „Ich habe erst letzte Woche mit Basti eine Doku über Karls Erdbeerhof gesehen. Da habe ich schon vom Zuschauen Burnout bekommen. Tausend Leute auf einem Erdbeerhof – ich bin froh, dass ich mit meinen drei Mitarbeitenden zurechtkomme.“
Neben Bernie hilft Iris im Hofladen aus, dazu unterstützen die Schwiegereltern, wo nötig. Für einen ganzen Betrieb verantwortlich zu sein, ist eigentlich nicht ihr Ding. Nach wie vor liebt sie die praktische Arbeit; das Alltägliche ist ihr das Wichtigste. „Ich fühle mich nicht als Unternehmerin. Ich bin Landwirtin. Als Angestellte wäre ich vermutlich entspannter, weil ich für den ganzen Stress nicht gemacht bin.“
Karolinenhöfer Mischung

Bemerkenswert bunt, diese „Karolinenhöfer Mischung“: weiße und bunte Deutsche Edelziegen, Toggenburger, Thüringer Waldziegen, ein Anteil Anglo-Nubier, dazu die Schwedische Landrasse.
Welchen Teil ihres Hofalltags schätzt sie dabei am meisten? „Auf jeden Fall das Melken. Der direkte Kontakt zu den Tieren ist für mich alles. Ich kann noch so krank oder erschöpft sein: In die Käserei müsste ich mich zwingen. Nicht zu den Tieren zu gehen, käme niemals in Frage.“
Wenn ihr Wecker um 6:30 Uhr klingelt, ist es ein Ritual, die Tiere als Erstes zu begrüßen. Gespräche mit Menschen brauche sie morgens weniger als die Berührung des warmen Fells. Die Lammzeit ist für Sarah die schönste Phase: Rund 100 Geburten im Jahr zu begleiten, die Tiere aufzuziehen, die Mütter zu unterstützen. Sie liebt ihre Ziegen, kann aber auch nicht ohne Kühe leben. Vier Stück an der Zahl werde ich gleich noch kennenlernen.
Die tiefe Verbindung entstand während ihres Freiwilligen Ökologischen Jahres auf der Domäne Dahlem. „Die haben dort Rotes Höhenvieh, eine alte Rasse – eine davon habe ich jetzt auch.“ Damals hat sie intensiv mit den Tieren gearbeitet, mit ihnen Äcker gepflügt und Kutschen gezogen. Die Faszination für Kühe und Rinder lässt sie seither nicht mehr los.
Wir stehen zwischen Käsekesseln und Käseformen – und doch kreist das Gespräch immer wieder um Sarahs Vierbeiner. Die Milch für ihren Ziegenkäse stammt aus einer bemerkenswert vielfältigen Herde, der „Karolinenhöfer Mischung“: Weiße und bunte Deutsche Edelziegen, Toggenburger, Thüringer Waldziegen, ein Anteil Anglo-Nubier, dazu die Schwedische Landrasse – „die gibt es in Deutschland eigentlich gar nicht. Die sind scheckiger und haben längeres Fell.“
Entgegen aller Empfehlungen
Wie kommt dann der Schweden-Anteil hier hinein, frage ich sie. „Nach dem Freiwilligen Ökologischen Jahr habe ich meine Ausbildung zur Landwirtin nebenan auf dem Ökohof Kuhhorst gemacht – und währenddessen hier bei Gela gewohnt. Nach der Ausbildung, in der ich auch Basti kennengelernt habe, habe ich dann Landwirtschaft studiert.“
Ihr gemeinsames Auslandssemester verbringen sie auf einem südschwedischen Ziegenhof. Dort steht Sarah zum ersten Mal in einer Käserei. Gela verfolgt das aus der Ferne über Social Media – und fragt das befreundete Paar nach ihrer Rückkehr, ob sie sich vorstellen könnten, den Karolinenhof zu übernehmen. Sie konnten. Seit 2017 besteht die gemeinsame GbR.
Gela, die den Karolinenhof gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann gegründet hatte, führt Sarah später noch intensiver in das Käsehandwerk ein. Das Zertifikat holt sie erst 2019 beim VHM nach – „für den Schein“.
Viel ist seither geblieben, manches wurde weiterentwickelt, ein paar Eigenkreationen sind hinzugekommen. Entgegen aller Empfehlungen hat sie im vergangenen Jahr sogar mit Blauschimmelkäse begonnen. Damit umfasst ihr Repertoire inzwischen rund 20 Milchprodukte. Verarbeitet wird – außer am Wochenende – täglich frisch und ausschließlich mit Rohmilch. In Spitzenzeiten kommen bis zu 250 Liter am Tag zusammen. Dabei ist ihr die Gesundheit der Tiere deutlich wichtiger als die reine Melkleistung.
Eine denkbar schlechte Berufswahl

Ihre Liebste von den vier Rindern, ohne die sich nicht leben könnte: Lilly, das Rote Höhenvieh.
Im Ziegenstall angekommen, lassen wir uns von der Karolinenhöfer Mischung von Stroh, Nähe und Neugierde panieren. „Ja, vielleicht habe ich ein Animal-Hoarding-Problem“, lacht sie und hält mir ihr Lieblingszicklein Wilma entgegen. Neben rund 100 melkenden Ziegen leben auf dem Karolinenhof derzeit drei Herdenschutzhunde – Kasimir, Allesandro und Can –, sieben Hühner, ein Hahn, ein Kaninchen, drei Katzen im Haus und zahlreiche streunende rundherum. „Du möchtest auch meine Rinder sehen, oder?“
Wir klopfen uns so gut es geht ab und machen uns auf den Weg nach draußen. Sarah öffnet ohne Zögern die elektrischen Weidezaunseile. Lilly, das Rote Höhenvieh, kommt bereits auf sie zugelaufen. Dahinter folgen die Schwarzbunte Sissi sowie Margo – die Tochter von Mira.
Sarah legt ihren Kopf auf den Rücken von Lilly. Ob sie sich verändert hat, seitdem sie hier ist, frage ich sie. „Eigentlich bin ich ein nervöser Typ und habe schnell Angst – ganz besonders vor großen Entscheidungen. Ich mag es, wenn alles nach Plan läuft. Da ist Landwirtin natürlich eine denkbar schlechte Berufswahl“, sagt sie und lacht.
„Aber ich bin hier viel resilienter geworden und kann mit der Unkontrollierbarkeit besser umgehen. Es war ja gar nicht der Plan, den Betrieb zu übernehmen. Es war mein Zuhause – und dann hat mich Gela gefragt. Ich bin da wie die Jungfrau zum Kinde gekommen.“
Alles im brandenburgischen Nichts
Da ist etwas, das sie heute besonders stolz macht: ihr Durchhaltevermögen, gesteht sie mir. Es ist eben nicht immer Bullerbü – weder finanziell noch organisatorisch, auch wenn es von außen danach aussehen mag. „Aber irgendwie haben wir das alles in den letzten Jahren hinbekommen. Basti und ich, und wir alle hier auf dem Hof. Dabei ist die Region, hier mitten im brandenburgischen Nichts, alles andere als geprägt von traditionsreichem Käsehandwerk.“ Während der DDR-Zeit stand der Betrieb lange leer.
Dass man Sarah inzwischen untrennbar mit dem Karolinenhof assoziiert, wird spätestens klar, als wir zum Abschluss einen Kaffee im Hofladen trinken. Der Kamin knistert, bodentiefe Fenster öffnen den Blick in die umliegende Weite der aufblühenden Frühlingslandschaft. Und es vergeht kaum ein Moment, in dem neue Gesichter im Gastraum nicht direkt auf Sarah zugehen und sie herzlich begrüßen.
Leise, fast nebenbei, sagt sie: „Es wäre schon schön, wenn all das hier einfach so bleiben kann.“ Sie meint das Grundkonzept – Direktvermarktung, bio, den unmittelbaren Kontakt zu den Kundinnen und Kunden. Aber auch, und das ist in dieser Begegnung immer wieder deutlich geworden, die Möglichkeit, die bedingungslose Liebe zu ihren Tieren ausleben zu können. In ihrem Alltag, genau hier auf dem Hof – ihrem Zuhause. Jeden Morgen am Melkstand.
Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen.