21. Dezember 2025
Beobachtungen erhalten

„No love, no cheese.“

Wiener Grant am Anschlag.

Ganz weit weg von Weltschmerz und Weihnachtsstress: Stine, seit fünf Jahren im Team von Anton Sutterlüty, am Freitagmorgen auf dem Karmelitermarkt: Much love, much cheese!


Das Klima während meiner Schottlandreise, die erst zwei Wochen zurückliegt, war rau – im wörtlichen Sinn. Stürmische Regenschauer trotzten der Schwerkraft und kamen eher von vorne und unten als aus gewohnten Richtungen. Wer in Edinburgh und den umgebenden Lowlands überhaupt noch Kamm, Bürste oder gar einen Schirm hervorkramte, konnte sich auch gleich ein rotes Warnschild mit der Aufschrift „Tourist“ auf die Stirn tackern (ja, ich habe es trotzdem versucht).

Nun bin ich gestern Morgen aus Wien zurückgekehrt. Und das Klima – trotz beständiger milder acht Grad Celsius, bedecktem Himmel, aber keinem einzigen Tropfen – war umso rauer: im übertragenen Sinn. Berlin ist im Vergleich dazu gerade eine Oase der Freundlichkeit.

Vielleicht lag es an meiner eigenen Überreiztheit aufgrund der vielen Reisen (ja, selbstauferlegte Luxusprobleme). Oder daran, dass die Stadt zwischen dem dritten und vierten Advent gefühlt aus allen Nähten platzte. Oder daran, dass ich älter werde und die österreichische Hauptstadt – mein letzter Besuch liegt sieben Jahre zurück – nun in einem anderen Licht wahrnehme. Oder daran, dass einfach alle wegen Weihnachtsstress, Weltschmerz und weniger Geld auf dem Konto wirklich schlechte Laune haben. Vermutlich kam alles zusammen.
 

Anton Sutterlütys „Käsekeller“ – welche Untertreibung!


Ich hatte es schon in meiner zuletzt veröffentlichten Cheese Story mit Svetlana Kukharchuk, alias The Cheese Lady, erwähnt: Es gibt vermutlich keinen ungünstigeren Monat, um Gesichter aus der Käsewelt um ein Treffen zu bitten, als den Dezember. Zusätzliche Marktpräsenzen, Verkostungen, Caterings, Weihnachtsvorbestellungen und Co. müssen in absolut kondensierter Form wahrgenommen werden, ehe schlagartig im Januar der Käseappetit der Welt durch kalorienbewussten Verzicht auf gutes Fett für ein paar Wochen eingestellt wird. Wenn dann noch jemand „für eine Reportage“ vorbeikommen möchte: Danke, nein.

Umso glücklicher war ich, dass ich mich schon auf der Cheese Berlin Anfang November mit einer der für mich inspirierendsten Persönlichkeiten der aktuellen Käsewelt, Anton Sutterlüty, für vergangenen Donnerstag in seinem Käsekeller (welch Untertreibung für dieses Ambiente!) verabreden konnte. Denn seien wir ehrlich: So stressig diese Zeit für Käsemacher, Händlerinnen und Co. auch ist, so echt und authentisch gehört sie doch als wichtiger Teil des echten Käsealltags dazu. Und genau den möchte ich sichtbar machen.
 

Dinner ist angerichtet! Gesprächssituation mit Clemens Castan im „Büro“ von JUMI.


Kontrastreicher hätte meine zweite Verabredung – in nahezu jeglicher Hinsicht – nicht sein können. Clemens Castan, Mitgründer des kleinen, verrückten, bunten und lauten Wiener Satelliten des JUMI-versums, nahm sich am Mittwoch kurz vor Feierabend die Zeit, über genau dieses Weihnachtschaos im ohnehin schon chaotischen Käsehimmel von JUMI zu plaudern – Wein und Torte um 18:30 Uhr inklusive.

Nicht einmal 24 Stunden liegen zwischen den Begegnungen mit Clemens und Anton – und doch liegen Welten dazwischen: laute Musik vs. absolute Stille, pinke Leuchtschrift vs. steinerne Gewölbe, Erlebniskauf vs. Rückbesinnung auf Vorarlberger Gebsenreifung. Was beide Begegnungen miteinander verbunden hat: Sie waren Balsam für die Seele in all dem Wiener Grant, der mich in der U-Bahn, in meinem Airbnb-Apartment und in der Karlskirche vier Tage lang umgeben hat. Oder um das Motto des eigentlich in der Schweiz ansässigen JUMI-Teams zu zitieren: „No love, no cheese.“

Self-fulfilling prophecy oder köstliche Realität: Ich mag „die Käseleute“ einfach sehr gern. Sie haben es in all der schlechten Laune meiner viereinhalb Tage Wien-Recherche wirklich rausgerissen.
 

In ihrer autobiografischen Erzählung schreibt Sarah Satt über ihr JUMI-Praktikum, das zehn Jahre zurückliegt. Ihr Buch „Who the f*** is Heidi?“ ist kürzlich in gedruckter Form erschienen. Mein Exemplar trägt nun diese mehr als passende Widmung danke!

Much love, much cheese: Fünf Momente, die mich durch den Wiener Grant getragen haben.

1 Ein spontanes, dreistündiges (!) und schokointensives Treffen mit der Autorin Sarah Satt in der Pâtisserie Crème de la Crème, die vor gut zehn Jahren ein Praktikum bei JUMI absolviert hat, um mir nun eine wundervolle Widmung in ihrem Buch zu hinterlassen.

2 Anton, der eigentlich nur eine halbe Stunde Zeit hatte und nach zwei Stunden fesselndem Kellertalk seinen Lieblingsitaliener mit dem besten Espresso der Stadt vorschlägt.

3 Ein ungeplanter Freitagmorgen mit Stine auf dem Karmelitermarkt: seit fünf Jahren Marktverkäuferin für Anton, nebenher Bildhauerin und – wie ich dabei erfahre – hochbegabte Schürzennäherin des gesamten Teams Sutterlüty.

4 „Koks und Alkohol“: Clemens’ ironische Antwort auf die Frage, wie er im mittlerweile zehnten Jahr den Vorweihnachtsstress in seinem Laden durchhält.

5 Kein einziger Moment im JUMI-Laden, in dem nicht irgendein Käse zum Kosten unter der eigenen Nase auftaucht.
 

So viel Liebe trotz Weihnachtsstress und Wiener Grant am Anschlag: Ich habe richtig viel – und nur Gutes – zu verdauen. Und gehe nun ins stille Kämmerlein zu Hause im überaus freundlichen Berlin, ran an die Schreibarbeit. Steh’ ich drauf, an Weihnachten ordentlich etwas zu tun zu haben.

Es geht nicht um Käse. Sondern um die Geschichten, die er erzählt.

Frohe Weihnachten!

 

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