16. Dezember 2025
Cheese Stories
Wenn Genuss zur Haltung wird: The Cheese Lady und die schottische Käsekultur
Diese Cheese Story basiert auf einem ausführlichen Interview mit Svetlana Kukharchuk, bekannt als „The Cheese Lady“. Als prägende Stimme der schottischen Käsekultur spricht sie über Handwerk, Herkunft und die Bedeutung von bewusstem Genuss. Dieses Gespräch ergänzt den Blick auf die schottische Käsekultur mit den Reportagen über Rory Mellis von Mellis Cheese und Angela Cairns von Errington Chesse.

Svetlana Kukharchuk, besser bekannt als The Cheese Lady , mitten im vorweihnachtlichen Trubel ihres Geschäfts in North Berwick.
Zugegeben: Es gibt kaum einen ungünstigeren Monat, um eine Käsehändlerin um ein Gespräch zu bitten, als den Dezember. Eine Zeit ohne Pausen – geprägt von Eile, Warteschlangen und jenem eigentümlichen vorweihnachtlichen Käseappetit. Umso mehr, wenn es sich um Svetlana Kukharchuk handelt, die vielen schlicht als The Cheese Lady bekannt ist. In East Lothian beheimatet, wurde sie jüngst bei den Allica Bank Great British Entrepreneur Awards 2025 als Scotland Retailer of the Year ausgezeichnet – eine Würdigung ihrer kompromisslosen Haltung für handwerklich hergestellten Käse, ihres nachhaltig gedachten Unternehmertums und ihres Engagements für die lokale Gemeinschaft. Mitten in dieser Hochphase des Jahres schien die Aussicht auf ein Gespräch während meiner Schottlandreise zunächst eher theoretischer Natur.
Und doch öffnet sich am Nachmittag des Nikolaustags ein schmales Zeitfenster. Wir verabreden uns in ihrem Laden in North Berwick, unmittelbar am Meer. Von Edinburgh aus fahre ich mit der ScotRail ostwärts; der Zug gleitet durch eine stille, eiskalte Winterlandschaft. Ursprünglich war ein Treffen in ihrem neueren Geschäft in Haddington vorgesehen, doch die kurzfristige Änderung erweist sich als mein Glücksfall: Bei meiner Ankunft bleibt mir eine Stunde, um anzukommen und hinzuspüren – in dieses beeindruckende Naturschauspiel mit seiner salzigen Luft und einer scheinbar unendlichen Landschaft, getaucht in eiskalt klares Winterlicht. Noch bevor das Gespräch beginnt, spüre ich, wie eng die mich umgebende Natur und ihr Klima auf den Charakter der schottischen Käse einwirken müssen.
Um genau darüber werden wir an diesem Dezembernachmittag sprechen – über Geschmack und Herkunft, über schottische Traditionen des Käsehandwerks und über die sich neu formierende Identität der britischen und schottischen Käsekultur.
Schottische Käsekultur zwischen Handwerk und Haltung

„Ich spüre all das, was auch meine Kundinnen und Kunden spüren: das Tempo des Alltags, den Druck, das ständige Ziehen in unterschiedliche Richtungen.“
Zuallererst möchte ich zur jüngsten Auszeichnung gratulieren.
Svetlana: Vielen Dank. Diese Auszeichnung bedeutet uns tatsächlich sehr viel. Es ist bereits der fünfte Preis, und in vielerlei Hinsicht fühlt er sich wie das krönende Highlight von acht Jahren intensiver Arbeit an. Zu sehen, wie weit wir in dieser Zeit gekommen sind, ist unglaublich erfüllend. Meine persönliche Reise mit dem Käse begann vor rund zwanzig Jahren, doch der Charakter von The Cheese Lady hat sich in den vergangenen acht Jahren immer klarer herausgebildet und gefestigt. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es hier im Vereinigten Königreich eine tiefe Sehnsucht nach echter Verbindung gibt – in Nachbarschaften, im Alltag, zwischen Menschen, die sich nach etwas Ehrlichem und Sinnstiftendem sehnen. Dieses Bedürfnis nach Verbundenheit gehört heute zu meinen stärksten Antrieben und prägt meine Arbeit in der britischen Käsekultur ganz wesentlich.
Daneben ist mir bewusst geworden, wie präsent das Thema mentale Gesundheit in diesem Land ist. Wir leben in angespannten Zeiten: wirtschaftliche Unsicherheit, ein stetig beschleunigter Alltag und der zusätzliche Druck sozialer Medien. Umso wichtiger ist es, kleine Momente zu schaffen, in denen wir zur Ruhe kommen, durchatmen und gut für uns sorgen können. Für mich persönlich ist einer der einfachsten Wege ein Glas guter Wein und ein paar Stücke hochwertiger Käse – eine kleine, stille Pause mitten im Alltagstrubel.
Lehrst du die Menschen, zur Ruhe zu kommen – oder ist es der Käse selbst, der diese Aufgabe übernimmt?
Svetlana: Ich glaube, wir ergänzen uns da ganz gut. Mit The Cheese Lady habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Botschaft des Käses weiterzugeben und ihm Raum zu lassen, auf seine eigene Weise zu sprechen. Für mich ist Käse ein Medium – ein Weg, Menschen zurück in den gegenwärtigen Moment zu führen, an einen Ort, an dem sie einfach sein dürfen. Ich nehme mich dabei oft selbst als Beispiel. Ich spüre all das, was auch meine Kundinnen und Kunden empfinden: das Tempo des Alltags, den Druck, das ständige Ziehen in unterschiedliche Richtungen. Für sich selbst zu sorgen kann vieles bedeuten – einen Spaziergang zu machen, ein ruhiges Bad zu nehmen oder in die Sauna zu gehen. All das sind wunderbare Möglichkeiten, um zu entschleunigen. Doch großartiger Käse, kombiniert mit einem guten Glas Wein, besitzt noch einmal eine ganz andere Kraft. Er kann einen forttragen – selbst wenn es nur für einen Moment ist – an einen Ort, an dem Sorgen in den Hintergrund treten und etwas Reines, Ehrliches und zutiefst Genussvolles in den Vordergrund rückt. Und manchmal ist genau dieser Moment das, was wir am dringendsten brauchen.
Hat sich deine Vision in den vergangenen Jahren weiter geschärft?
Svetlana: Ja, ganz eindeutig. Mit jedem Jahr sind mein Warum, aber auch meine Ziele klarer geworden – und sie schärfen sich weiter, fast täglich. Ebenso die Botschaft, die dahintersteht. Zu Beginn ging es mir vor allem darum, Freude am Käse zu vermitteln: den Unterschied zwischen handwerklich hergestellten Käsen und industriellen Supermarktprodukten sichtbar zu machen und zu zeigen, warum die bewusste Entscheidung für echten Käse Körper und Seele guttut. Doch sehr schnell wurde mir klar, dass es um weit mehr geht als um reinen Genuss.
Genuss, im tieferen Sinn, entsteht für mich in dem Moment, in dem Käse Bedeutung bekommt – allein genossen oder im Zusammensein mit Menschen, die einem nahestehen. Wenn ein einfaches Stück Käse zu einer gemeinsamen Erfahrung wird, zu einem Moment der Verbundenheit, zu einer Erinnerung, die man mit sich trägt – inklusive der Geschichten und der Gesichter hinter dem Produkt. Das ist für mich der eigentliche Zauber. Käse bewusst zu genießen bedeutet letztlich, aufmerksamer zu leben und dem eigenen Alltag mehr Tiefe zu geben.

„Hier in East Lothian wird ein Großteil der Flächen ackerbaulich genutzt; man sieht nur wenige weidende Tiere. Das hat historische Gründe und hängt mit der landwirtschaftlichen Nutzung über Generationen hinweg zusammen.“
Käsehändlerin, Unternehmerin, Lehrerin – welche Rolle erfüllst du heute am meisten?
Svetlana: Mein Blick darauf hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Begonnen habe ich ganz klar als Käsehändlerin. Dann kam der Moment, in dem ich eine Familie ernähren musste – und mein Warum hat sich noch einmal grundlegend verschoben, als ich meine Tochter zum ersten Mal im Arm hielt. Sie ist heute acht Jahre alt, und es ist mir unglaublich wichtig, ihr ein Vorbild zu sein.
Je stärker mein eigenes Unternehmen wuchs, desto intensiver setzte ich mich mit bewusstem, wertebasiertem Unternehmertum auseinander. Die vergangenen fünf Jahre waren deshalb eine echte Lernreise. Lange habe ich gezögert, mich selbst als Unternehmerin zu bezeichnen. Doch heute, mit dieser Auszeichnung in den Händen, kann ich das mit Überzeugung sagen: Ich bin mehr als eine Käsehändlerin. Ich bin eine liebende Mutter, eine Unternehmerin und eine Genießerin. Und ich lerne jeden Tag dazu. Ich verstehe mich nach wie vor als Schülerin des Käses – es gibt immer etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Und ich hoffe sehr, dass das niemals aufhört.
Terroir und die Grenzen regionaler Käsekultur
Und was sagen dir die Wünsche deiner Kundinnen und Kunden, wenn es um regionale oder speziell schottische Käse geht?
Svetlana: Das Interesse wächst stetig – wenn auch langsam. Wenn Touristinnen und Touristen in unseren Laden kommen, fragen sie ganz gezielt nach Käse aus dieser Region. Und leider können wir diesem Wunsch oft nicht nachkommen. Der Grund liegt schlicht im regionalen Terroir. Hier in East Lothian wird ein Großteil der Flächen ackerbaulich genutzt; man sieht nur wenige weidende Tiere. Das hat historische Gründe und hängt mit der landwirtschaftlichen Nutzung über Generationen hinweg zusammen. In anderen Teilen Schottlands ist die Situation eine andere – mit mehr Weideland, einer stärkeren Milchwirtschaftstradition und entsprechend mehr Käseproduktion.
Wenn du über diese regionalen Unterschiede in Schottland sprichst – über Landschaften, Geschichte und die Grenzen des Terroirs –, wird deutlich, wie stark der Ort auf die Käsekultur einwirkt. Und Orte prägen bekanntlich auch Menschen. Blickt man auf deinen persönlichen Weg von Sibirien über Lock Haven, New York, St. Andrews bis nach Haddington: Fühlst du dich hier in Schottland zu Hause? Oder gibt es Rituale, die dir ein Gefühl von Heimat geben?
Svetlana: Ja, ich fühle mich in Schottland definitiv zu Hause – weil meine Familie hier ist. Das ist mein Ausgangspunkt für alles. Und es überrascht sicher nicht, dass eines unserer liebsten Rituale zu Hause ein Abend mit einer kleinen Käseplatte und einem Glas Wein ist. So zelebrieren wir die kleinen, glücklichen Momente des Alltags. Ich arbeite dann meist mit vier oder fünf verschiedenen Käsesorten und stelle die Auswahl aus dem zusammen, was gerade im Kühlschrank ist – immer ergänzt um etwas Neues. Drei Käse sind mir ehrlich gesagt zu langweilig. Meist kosten wir dann zwei Hartkäse, zwei Weichkäse und einen Blauschimmelkäse. In der kalten Jahreszeit genieße ich besonders einen kräftigen Primitivo zu Käsesorten auf Augenhöhe – vor allem in Kombination mit einem Comté, der 36 Monate oder länger gereift ist. Ich nenne ihn gern den „Chanel unter den Käsesorten“.
Du hast gerade erst eine bedeutende Auszeichnung erhalten, führst zwei erfolgreiche Käseläden, dein Onlinegeschäft wächst – und du hast sogar ein Buch geschrieben. Gibt es dennoch etwas, das du bislang noch nicht erreicht hast? Einen Teil deiner Vision, der noch nicht erfüllt ist?
Svetlana: Oh ja – ich denke deutlich größer. Wir würden sehr gern einen weiteren Laden eröffnen, idealerweise an einem starken A-Standort. Ich kann mir gut einen größeren Flagship-Store vorstellen, einen Ort, der all das widerspiegelt, wofür wir stehen. Einer unserer lang gehegten Träume ist es außerdem, Käse an Kundinnen und Kunden in ganz Großbritannien zu versenden.
Daneben gibt es einen weiteren Aspekt meiner Vision, der mir mindestens ebenso wichtig ist. Ich begegne noch immer vielen Menschen, die Käse mit einer Art schlechtem Gewissen betrachten – als dürften sie ihn eigentlich nicht essen. Sie heben ihn sich für einen einzigen Anlass im Jahr auf und übertreiben es dann. Dieses Denken möchte ich verändern. Handwerklich hergestellter Käse, regelmäßig und in kleinen Portionen genossen – so, wie es in Frankreich ganz selbstverständlich ist –, nährt nicht nur die Seele, sondern ist auch dem Körper zuträglich. Wie bei allem im Leben gilt: In Maßen und im Gleichgewicht genossen wird Käse zu einer Quelle von Freude, die den Alltag bereichert. Er macht das Leben leichter, hochwertiger, genussreicher – und ganz sicher köstlicher.
Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen.