15. Dezember 2025
Cheese Stories

Ein Tag mit Angela Cairns auf der Farm von Errington Cheese

Diese Cheese Story ist eine ausführliche Reportage nach einem Tag auf der Errington Farm mit Angela Cairns in den schottischen Lowlands. Sie ergänzt den Blick auf die schottische Käsekultur aus der Perspektive ihres Ursprungs. Neben der Cheese Story mit Svetlana Kukharchuk, die schottischen Käse aus Sicht von Vermittlung und Genuss betrachtet, sowie der Cheese Story mit Rory Mellis, die die Rolle von Affinage und Unternehmertum in den Fokus rückt, richtet dieser Text den Blick auf den Alltag der Käseherstellung im Herzen von Schottland.

Angela Cairns im Reifelager der Errington Farm, wie sie mit der Käseharpune den Reifegrad des Bonnington Linn überprüft.

Angela Cairns prüft mit der Käseharpune den Reifegrad der hier lagernden Bonnington Linns.


„Ich bin noch mit Jet, Jingle und Porsche im Wald. Du bist zu früh!“ Angela Cairns hat recht – und dennoch muss ich lachen. Wir haben bislang nur über WhatsApp kommuniziert, und doch kommt mir ihr unverblümter Farmhouse-Charme in diesem Moment erstaunlich vertraut vor. Bis zum Vorabend war ungewiss, ob ich diesen lang ersehnten Tag auf der Errington Farm mit ihr oder mit ihrer Schwägerin Selina Cairns verbringen würde. Da Selina kurzfristig in der 2024 erworbenen Barn einspringen musste, um die zahlreichen Sonntagsgäste zu versorgen, verabredeten Angela und ich uns für 11:30 Uhr: „Treffpunkt Barn, das ist am einfachsten.“ Von dort wollten wir gemeinsam zur zwei Meilen entfernten Farm weiterfahren.

Meine Anreise durch die schottischen Lowlands – von Edinburgh nach Carnwath – verlief erstaunlich reibungslos. Der Mietwagen schnurrte zwischen den Schafherden wie ein Kätzchen, und zwischendurch blieb sogar Zeit für ein paar flüchtige Schnappschüsse der nebelverhangenen Landschaft. Und doch stehe ich bereits um 11 Uhr in der Barn, plaudere mit Selina, die mit beeindruckender Selbstverständlichkeit Gästebewirtung, Gastfreundschaft und ein konzentriertes Gespräch über Käse miteinander verbindet. Ich sende Angela eine kurze Nachricht, dass ich schon vor Ort bin. Ihre Antwort kommt prompt: „Ich bin noch ganz oben im Wald. Versuch, in 20 Minuten dort zu sein.“

Dass ihre drei Border Collies – zwischen zwei und vierzehn Jahre alt – für sie weit mehr sind als bloße Haustiere, werde ich im Laufe dieses Tages noch oft zwischen den Zeilen spüren. Ebenso, dass sie sich gerade auf ein Rugby-Charity-Event im Januar vorbereitet. Welches Geschenk sie Selina dieses Jahr zu Weihnachten machen wird. Was sie an diesem Festtagsabend für die Familie kochen wird. Und warum sie Ziegen für wesentlich klüger hält als Schafe.

All das ist nur ein kleiner Ausschnitt jener warmherzigen, ungefilterten Persönlichkeit, die wenige Minuten später, zerzaust vom schottischen Wind, in die Barn hineinweht, um mich direkt einzusammeln. Wir haben schließlich viel vor. 

Unverwechselbare Terroir

„Falsche Seite!“, ruft Angela Cairns und erinnert mich umgehend daran, dass ich gerade unbewusst zur für britische Gewohnheiten falschen Tür gelaufen bin. Kaum rollen wir vom Hof, wird mir auf den ersten Metern klar, dass es durchaus Sinn macht, wenn man sich hier auskennt – der Begriff Straßenbelag ist in dieser Gegend jedenfalls dehnbar. Während unsere Mägen fröhlich durchgeschüttelt werden, landen wir, wenig überraschend, sehr schnell beim Thema Käse.

Ich frage sie, welcher ihr derzeit liebster sei. „Oh, ich glaube, der Corra Linn. Nicht wegen der jüngsten Auszeichnung, sondern weil man ihn in dieser Jahreszeit mit so Vielem kombinieren kann – obwohl ich eigentlich nicht der Typ bin, der viel dazu braucht. Ich mag unsere Käse am liebsten pur oder mit einem guten Cracker.“ Die Käse von Errington brauchen aus meiner Sicht tatsächlich nicht viel mehr. Ihre charaktervollen Rohmilch-Schaf- und Ziegenkäse – Lanark Blue, Corra Linn oder Blackmount – spiegeln das raue Mikroklima der schottischen Lowlands präzise wider und verbinden traditionelle Handwerkskunst mit dem unverwechselbaren Terroir der Walston Braehead Farm.

In den frühen 1980er-Jahren von Humphrey Errington gegründet, wird das Unternehmen heute von seiner Tochter Selina, ihrem Mann Andrew und seiner Schwester Angela geführt – meiner Fahrerin in diesem Moment, die ergänzt, dass sie „mit viel zu wenig Leuten“ arbeiten. Ein Thema, das sie zunehmend beschäftigt. Nach knapp zehn Minuten Fahrt hält Angela auf dem Gelände der Walston Braehead Farm mitten im Nichts. Wüsste man nicht, dass sich hinter den unscheinbaren Wänden eine international bekannte und vielfach ausgezeichnete Käserei verbirgt, sähe man lediglich einen naturgeschaffenen, eindrucksvollen Ort: 153 Hektar aus einer Mischung von Weideland, Ackerflächen und Wald.

Allroundtalente

Angela Cairns von hinten auf dem Weg in die Käserei der Errington Farm in den schottischen Lowlands.

Angela Cairns mit strammem Schritt auf dem Weg hinter die Fassaden der Errington Farm – gelegen in South Lanarkshire, am Fuß der Pentland Hills –, um mir die Räumlichkeiten Käserei von innen zu zeigen.


Unser erster Weg führt uns in die Käserei. Die Hygieneschranke besteht hier aus einer schlichten Holzbank – alles davor ist draußen, alles dahinter gehört zur geschützten Produktionsstätte. Gleich zu Beginn treffen wir auf Tom, an diesem Sonntag der einzige Käser auf der Farm, der gerade an der Veredelung des Elrick Log arbeitet. Dass ich diesen später am Tag gemeinsam mit Angela probieren werde, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

„Tom hängt ganz schön hinterher“, merkt Angela Cairns beiläufig an. Ihr entgeht nichts – sie ist auf der Errington Farm Allrounderin durch und durch. Genau darin liege, neben der abgelegenen Lage, die größte Herausforderung: geeignetes Personal zu finden, das vielseitig einsetzbar ist und dieselben Werte teilt. Qualitätskontrolle, Schäferei, Ziegenhaltung, Käseherstellung, Farmshop-Management, Marketing, Buchhaltung – all das gehört hier zum Alltag. Auch das Errington-Personal müsse möglichst flexibel einsetzbar sein.

Direkter Kontakt

Sie führt mich durch die Käse- und Lagerräume. Dabei komme ich in den Genuss – und den Duft – der unterschiedlichen Reifestadien eines meiner liebsten Käse, des Bonnington Linn: ein charaktervoller Ziegenhartkäse mit nussigen, leicht süßlichen Aromen sowie einer festen, dennoch geschmeidigen Textur. Mineralische und kräutrige Noten verleihen ihm zusätzliche Tiefe und spiegeln für mich das Terroir der schottischen Lowlands wider. Angela Cairns bestätigt das mit einem zufriedenen Nicken.

Ich möchte wissen, wen sie vorwiegend beliefern. „Der Großteil geht an Stores in Edinburgh und London. Den überwiegenden Teil liefern wir an Mellis und Neal’s Yard“, erklärt sie. Gibt es Unterschiede bei den Bestellungen? „In London nehmen sie vor allem die laktischen Sorten und den Corra Linn. In Edinburgh kommt unser Blauer noch hinzu.“

Damit sind wir unmittelbar beim Thema Nachfrage und echtem Interesse an handwerklich hergestelltem Käse. „Nein, viele kommen nicht persönlich vorbei – hin und wieder einmal ein Käsehändler“, sagt Angela. „Den direktesten Kontakt haben wir unten in der Barn, das ist ein großer Vorteil. Die Leute aus der Umgebung kommen regelmäßig, kaufen Käse und andere regionale Produkte. Und natürlich halten auch viele Touristen auf ihren Routen hier an – besonders die, die aus dem Süden herauffahren.“

Der richtige Ort

Wir unterbrechen die hausinterne Käseroute für einen Moment und halten inne. Es ist mir in diesem Augenblick ein Bedürfnis zu fragen, ob Angela Cairns glücklich sei. „Ja. Also, es ist harte Arbeit. Und es wäre viel einfacher, wenn wir mehr Leute hätten. Ich bin jetzt 51, habe lange in Neuseeland gelebt, aber ich bin einfach ein Farmgirl durch und durch und vor 15 Jahren zurückgekehrt. Das muss doch heißen, dass ich hier am richtigen Ort bin, oder?“

Den Ort, der für mich jetzt der richtige ist, steuern wir anschließend direkt an: die Reiferäume des Bonnington und des Corra Linn. Ich möchte Angela am liebsten umarmen, als sie nicht nur einen, sondern mehrere Laibe in unterschiedlichen Reifestadien mit der Käseharpune ansticht, damit wir gemeinsam probieren können. Es sind genau diese Momente – und es werden heute noch einige folgen –, in denen ich in ihrem Gesicht erkenne, dass Angela tatsächlich am richtigen Platz zu sein scheint. Während wir uns in den Aromen verlieren und über den saisonalen Charakter der jeweiligen Milch sprechen, blickt sie beinahe liebevoll auf die kleinen Käseproben. Mit dem Laib vom 27. August ist sie allerdings noch nicht ganz zufrieden: „Der braucht noch.“

Ziegen mit Charakter

Milchziegen auf der Errington Farm in den schottischen Lowlands, deren Milch für die laktischen Käse Blackmount und Elrick Log verwendet wir

2019 wurden 150 Milchziegen – darunter Saanen, Toggenburg und British Alpine – auf der Farm angesiedelt, um die Käseherstellung ganzjährig zu ermöglichen. Aus ihrer Milch entstehen unter anderem die charaktervollen laktischen Käse Blackmount und Elrick Log.


Ich bin bereits jetzt im siebten Käsehimmel. Doch was als Nächstes folgt, übertrifft alles. „Du hast nicht die richtigen Schuhe“, stellt Angela Cairns fest. Ich stimme ihr zu – der schottische Regen der vergangenen Tage hat den Boden in einen völlig eigenen Aggregatzustand verwandelt. Angela leiht mir Gummistiefel, die mir weit übers Knie reichen, und sagt nur: „Die wirst du brauchen.“ Wieder zeigt sich diese herzliche Umsicht, gepaart mit ihrer herrlich knappen Direktheit.

Gut ausgerüstet mit Stiefeln und Vorfreude waten wir zu den Ställen. Fast automatisch verwandeln wir uns in zwei Mädchen, die im leichten Trab auf die erst im Juli geborenen Ziegen zulaufen – eine Mischung aus British Alpine, Golden Guernsey und Nubian. Etwa 25 von „recht vielen“, die hier seit 2019 ihre Heimat gefunden haben. Der klare Fokus von Errington auf Schaf- und Ziegenmilch ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal in der schottischen Käselandschaft. Daran denken wir in diesem Moment allerdings nicht, während wir uns völlig darin verlieren, mit den überaus verspielten Ziegen zu schmusen.

„Das ist mein Finger.“ Angela strahlt, während ihre Ziegen mit einer Mischung aus Appetit und Neugier an allem knabbern, was ihnen vor die Schnauze kommt. In diesem Moment wird es noch einmal persönlicher: Was machen Angela und ihre Familie eigentlich an Weihnachten? „Ich koche Truthahn für uns. Selina, Andrew und die Kinder kommen, und danach gibt es Geschenke.“ Ob sie schon alles beisammen habe? „Noch nicht. Aber ich habe ein paar Ideen – es soll etwas Nützliches sein. Für Selina zum Beispiel neue Stiefel.“

Brexit-Nachwehen

Wie viele Stunden wir inzwischen unterwegs sind, weiß ich nicht genau. Nur dass ich Andrew, den ich am Vortag zufällig auf dem Farmers’ Market in Edinburgh getroffen habe, versprochen habe, in der Barn zu Mittag zu essen – „der beste Lunch der Welt“. Doch auch Angela bekommt Appetit, und so reißen wir uns schließlich – im wahrsten Sinne des Wortes – von den Ziegen los und machen uns, wieder in normalem Schuhwerk, auf den Weg zurück zum Van. Die Zeit scheint hier gleichzeitig zu verfliegen und stillzustehen.

Ich möchte wissen, wie stark sie als Käserei im Alltag noch immer die Auswirkungen des Brexit spüren. „Es ist ein Albtraum“, sagt Angela Cairns. „Früher haben wir tierisches Lab aus Frankreich bezogen. Seit dem Brexit ist der Papieraufwand dafür aber viel zu groß – und die Qualität war damals eine andere.“ Da es sich um ein tierisches Produkt handelt, sei die Einfuhr heute deutlich komplizierter. „Jetzt beziehen wir Lab vom Kontinent, ein anderes Produkt, das die Oberflächenstruktur unserer Käse verändert. Das macht unsere Arbeit schwieriger.“

Und in der Sommerzeit, wenn Schaf- und Ziegenmilch zusammenkämen, sei es seither noch schwieriger, zusätzliche Unterstützung von außen zu bekommen. Angela spricht nüchtern über all diese Punkte – auch während wir bereits auf den Parkplatz der Barn einbiegen – ebenso über das Thema Rohmilch, das „von den Behörden“ nach wie vor kritisch betrachtet wird. „Wir beobachten, dass das Thema wieder Fahrt aufnimmt, und das macht uns natürlich Sorgen.“

Das Herz von Lanarkshire

Als wir aussteigen, schickt sie mich in der steifen Brise schon einmal voraus. „Ich lasse die Hunde noch kurz raus.“ Die Art, wie Angela Cairns über ihre drei Border Collies spricht, ist schlicht berührend. Ich drehe mich kurz um, beobachte sie einen Moment lang mit den Tieren und werde in der Barn nur einen Augenschlag später von Selinas strahlendem Lächeln empfangen: „Wie war es?“

Sie hat uns einen Tisch am Fenster freigehalten. Angela kommt ebenfalls dazu, bestellt ohne Zögern die Pork Terrine – „Wir bekommen von einer Farm nebenan das beste Fleisch der Welt.“ – dazu frisches Sauerteigbrot aus der Region. Ich entscheide mich für einen „proper salad“ mit Roter Bete, karamellisierten Walnüssen und Elrick Log. Es ist nicht nur geschmacklich der perfekte Abschluss eines beeindruckenden Tages, sondern auch ein Moment, der mit Sicherheit lange nachhallen wird.

Es ist zugleich der krönende Abschluss der Begegnung mit einer Frau, mit der ich in den letzten gemeinsamen Minuten noch über ihre Vorbereitung für das lokale Charity-Run-Event im Januar spreche – „I am 2nd row“, sagt sie lachend – und die deshalb lieber auf den Kuchen ihrer Mutter verzichtet. Moment, ihrer Mutter? „Ja, alle Kuchen sind hausgemacht von meiner 83-jährigen Mum. Sie kommt drei Tage die Woche her, um alles vorzubereiten.“ In diesem Augenblick bringt uns ihre 14-jährige Nichte zwei Cappuccinos an den Tisch. Mir wird klar, dass all dies hier nur funktionieren kann, weil es auf einer wunderbaren, generationenübergreifenden Familiendynamik beruht – und weil es muss. Hier draußen, im Herzen von Lanarkshire, entsteht trotz aller widrigen und rauen Umstände mit viel Herz und echter Arbeit etwas Großartiges.

Ich durfte an diesem Tag für einen kurzen Moment gemeinsam mit Angela in dieses Leben eintauchen – und werde sie, ihre Echtheit und ihre tiefe Leidenschaft für all das hier, das weit mehr ist als nur eine Käsefarm, noch lange in mir tragen.


Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen. 

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