15. Dezember 2025
Cheese Stories
Eine neue Ära: Ein Morgen mit Rory Mellis in der Old Lemonade Factory
Diese Cheese Story basiert auf einem ausführlichen Gespräch mit Rory Mellis und ergänzt den Blick auf eine schottische Käsekultur im Wandel. Neben der Cheese Story mit Svetlana Kukharchuk, bekannt als „The Cheese Lady“, sowie der Cheese Story mit Angela Cairns von Errington Cheese richtet dieser Text den Fokus auf Rory Mellis’ unternehmerischen Gestaltungswillen – und auf die Frage, wie er schottische Käsekultur zwischen tiefer Verwurzelung und Expansionspotenzial bewertet.

Seit 2018 führt Rory Mellis in zweiter Generation das Familienunternehmen Mellis Cheese mit derzeit sechs Standorten – fünf in Schottland, seit wenigen Wochen erstmals auch in London.
Ich ziehe gerade den Sicherheitsgurt straff, als der Pilot am Flughafen Berlin Brandenburg eine undurchsichtige Meldung durchgibt: IT-Probleme in Edinburgh. „Nicht ideal“, denke ich. Unser ohnehin knappes Zeitfenster – geplant war eine Landung am frühen Nachmittag – droht zu kippen. Rory Mellis kennt meine Ankunftszeit, und ich weiß von seinem familiären Pre-Christmas-Event am Abend. Wir hatten knapp kalkuliert. Zu knapp, wenn nun technische Ausfälle am Zielflughafen dazukommen. Was als feierlicher Auftakt meiner Käsekulturreise durch die schottischen Lowlands vorgesehen war, wird sich am Ende als ihr krönender Abschluss erweisen.
Mit neunzig Minuten Verspätung lande ich in der schottischen Hauptstadt. Per E-Mail einigen wir uns rasch darauf, unser Treffen auf den Morgen meines Abreisetages zu verlegen – mit ausreichend Zeit und Ruhe. Rory Mellis, heute 28 Jahre alt, führt das international anerkannte Familienunternehmen Mellis Cheese seit 2018. Mittlerweile umfasst es sechs Standorte. Erst vor wenigen Tagen wurde der erste Laden außerhalb Schottlands eröffnet – ein lang gehegter Traum, nun Realität in der historischen Broadway Parade in Crouch End, London. „Der Beginn einer neuen Mellis-Ära“, verrät mir Rory später im Gespräch.
Er sitzt am Steuer des Mellis-Vans, als er mich an diesem Dienstagmorgen abholt – ein spontaner Taxidienst, denn unser Gespräch soll nicht an einem gewöhnlichen Ort stattfinden, sondern im Herzen des Familienunternehmens: den Reife- und Lagerräumen der Old Lemonade Factory. „Du erkennst mich sofort – der Van hat unser Logo an der Seite!“, hatte er geschrieben. Draußen regnet es, wie so oft zu dieser Jahreszeit, in Strömen. Nachdem er mich am Airbnb eingesammelt hat, entsteht auf unserer kurzen Fahrt durch das südliche Leith in Richtung Albion Road eine natürliche Gesprächsdynamik. Wir sprechen über das boomende Weihnachtsgeschäft, über Familienwerte – und natürlich über den neuen Londoner Store, der Rorys Gesicht immer wieder in ein unübersehbares Strahlen taucht.
But first, coffee!

Die historische Außenfassade der Old Lemonade Factory in Edinburgh: Seit 1999 Lagerstätte und Affinage der Käse des Familienunternehmens Mellis Cheese.
„Ich brauche erst mal einen Kaffee – du auch?“ Rory springt aus dem Van, kaum dass wir angekommen sind. Wir beide wissen, dass mein Rückflug uns an diesem Morgen erneut nicht viel Zeit lässt. Aber Kaffee muss sein. Viel mehr steht bei ihm um diese Uhrzeit ohnehin nicht auf dem Speiseplan, denn wenn sein Wecker um 5:30 Uhr klingelt, bedeutet das in diesen Pre-Christmas-Wochen: aufstehen und sofort dort anpacken, wo er gebraucht wird. Auf meine Frage, in welcher Rolle er sich bei Mellis Cheese sieht – Entrepreneur, Chef oder Käsehändler –, lacht Rory Mellis: „Im Moment? Mädchen für alles! Fragst du mich außerhalb der Weihnachtszeit, dann bin ich wohl am ehesten Entrepreneur, ein Businessman eines wachsenden Unternehmens mit klarem Fokus auf handwerklich hergestellte Käse.“
Während er mir einen Americano aus der Siebträgermaschine reicht, weist er mir den Weg die Treppe hinauf ins Büro – ein deutlich wärmerer Ort als die Reiferäume der alten Fabrik, die sich seit 1999 im Besitz der Familie Mellis befindet. Oben wirft er seine rote Jacke ab, zupft den schwarzen Cardigan zurecht und lässt sich lässig in den Chefsessel fallen. Ein Computer auf dem Tisch? Fehlanzeige. Rory arbeitet lieber flexibel mit dem Smartphone. Er nimmt einen großen Schluck seines Milchkaffees, stellt den Becher ab und führt den Gedanken fort: „Meine Hauptaufgabe ist es, das Team so gut wie möglich zu unterstützen. Meine Rolle ist derzeit schlicht hands-on. Gleichzeitig versuche ich, die Balance zu halten, weil ich weiß, wie wichtig das ist: Sport machen – wobei das viele Käseschleppen in dieser Jahreszeit schon ein Workout für sich ist – und mit meinem Partner oder Freunden essen gehen. Ich versuche, trotz all dem die Weihnachtszeit zu genießen.“
„Ich liebe Veränderung“
Dass Rory gerade in diesen intensiven Zeiten regelrecht aufblüht – ja, es fast genießt, morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, was der Tag bringt –, wird spätestens deutlich, als ich ihn nach seinem Selbstverständnis als Entrepreneur frage. „Ich bin ein Gestalter. Ich liebe Veränderung, setze mir im Laufe eines Tages immer wieder einen anderen Hut auf. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen mit sich, und ich habe gar keine Möglichkeit, träge oder müde zu werden. Meine Persönlichkeit ist schlicht nicht dafür gemacht, immer dasselbe zu tun.“
So sei seine ganze Familie, erzählt Rory Mellis. „Wir haben eine ganze Garage voller alter, antiker Möbel, um die Stores immer wieder zu verändern und ihre Persönlichkeit zu unterstreichen. Es ist wichtig, die Individualität der Läden und ihrer Kundschaft sichtbar zu machen – keine durchgehende Mellis-Linie im Interior. Das wird immer wieder angepasst: an die Saison, an den Zeitgeist, an die Geschichte des Ortes, an dem ein neuer Mellis-Store entsteht.“
Natürlich möchte ich an dieser Stelle wissen, was den besonderen Charakter des neuen Londoner Ladens ausmacht. „Wir sind sehr stolz, dass wir diesen Schritt endlich gegangen sind. Mein Bruder hat den Ort genau zur richtigen Zeit gefunden.“ Seit gut zwei Wochen hat Mellis nun seinen ersten Laden außerhalb Schottlands eröffnet, in der historischen Broadway Parade in Crouch End, London.
Ursprünglich ein Fischhandel
„Der neue Shop in London war ursprünglich ein Fischladen.“ Rory Mellis erklärt mir, dass genau solche Orte prädestiniert für neue Mellis-Stores seien: gewachsene Nachbarschaften mit einer starken lokalen Gemeinschaft, vertraut und verbunden mit traditionellem Handwerk. Doch es gebe noch einen zweiten Grund: „Reißt man die Wände, die Decke oder den Boden heraus, kommt in den meisten Fällen ein wunderschönes, ästhetisch spannendes Darunter zum Vorschein.“ Die alte Bausubstanz erzähle ihre eigenen Geschichten – und gebe jedem neuen Mellis-Store seinen unverwechselbaren Charakter.
Ob es kein Risiko für das Unternehmen sei, einen weiteren Laden vier Stunden Zugreise entfernt nun ausgerechnet in der Hauptstadt zu eröffnen? Rory schüttelt den Kopf. „Ein Risiko wäre es gewesen, wenn niemand von uns vor Ort wäre. Da mein Bruder den Laden führt, sehen wir vor allem die großen Chancen, die sich uns dadurch eröffnen. Ich denke dabei an eine intensivere Zusammenarbeit mit den lokalen Käsefarmen in England.“ Das bereichere nicht nur das Sortiment, sondern auch die gesamte Supply Chain in Schottland – und eröffne neue Perspektiven durch die größere Nähe zu Paris. „Edinburgh funktioniert einfach anders“, sagt Rory. „Jetzt haben wir die Möglichkeit, direkt am Puls der Zeit zu spüren, was die Käsewelt bewegt.“
Londons verrückter Appetit
„Und wir bereichern schon nach den ersten Tagen die Käsewelt in London.“ Das müsse er mir erklären, fordere ich. „Schottische und irische Käse – zusammengefasst die Celtic Cheeses – sind hier völlig unterrepräsentiert. Die Nähe zum Kontinent hat in London dafür gesorgt, dass vor allem die südlichere Käsewelt auf den Tellern der Hauptstadt landet. Und das spüren wir schon jetzt in der Nachfrage. Es ist wirklich verrückt, wie groß das Interesse am Neuen, Anderen ist, obwohl Schottland und Irland in gewisser Weise viel näher liegen.“
Schon die ersten Tage – erfahrungsgemäß entscheidend, weil viele Kundinnen und Kunden persönlich begrüßt werden wollen und Präsenz unabdingbar ist – seien überwältigend gewesen. „Die ganze Familie war da, es kommen wirklich viele Gäste, und es war ein fantastischer Start.“
An dieser Stelle beginnen die Augen von Rory Mellis noch heller zu leuchten, und ich hake nach: Warum bedeutet ihm der Begriff Neustart so viel? Er hält kurz inne, berührt den goldenen Ring an seinem linken Ohr und blickt zurück: „Von den Anfängen 1993 bis 2010 haben meine Eltern ungefähr alle zwei Jahre einen neuen Laden eröffnet. Einige wurden wieder geschlossen, andere stärker fokussiert. Aber das hier ist der erste Laden – und dann noch in London –, der unter der Leitung meines Bruders und mir eröffnet wurde. Unser erstes Baby. Natürlich macht mich das stolz, weil damit eine neue Mellis-Ära beginnt.“
Tourist in der eigenen Stadt

„Ich liebe es, Tourist in meiner eigenen Stadt zu sein.“ Auf dem Bildschirm seines Smartphones: ein schwarz-weißes Foto eines Reihers im Leith Links Park – aufgenommen auf einem seiner langen Spaziergänge.
Doch das, sagt Rory, solle erst der Anfang sein. Sein neuer Businessplan für diese Mellis-Ära denkt deutlich weiter: „Es geht darum, mehr zu sein als nur ein schottischer Cheesemonger. Wir sind eine kleine Nation, und damit gehen natürliche Begrenzungen einher. Es ist wichtig, dass wir uns weiterentwickeln, nicht dem vorgezeichneten Pfad folgen, nicht am Gestern festhalten – weder in der Produktauswahl noch in der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten und mit der Community interagieren.“ Deshalb sei es entscheidend, über die schottischen Grenzen hinauszudenken, ohne die eigenen Wurzeln zu verlieren. Dann wird er konkreter: „Wir lernen als Familienunternehmen jeden Tag dazu. Wir machen Fehler – jeden Tag. Und natürlich wollen wir wachsen.“
Ich frage mich, ob es bei all dem überhaupt ein Leben außerhalb des Geschäfts und des Käses gibt. Wie lädt ein 28-Jähriger, der so viel Verantwortung trägt, eigentlich seine Batterien auf? Was macht ihm – neben Unternehmertum, Rollenwechseln sowie persönlichem und geschäftlichem Wachstum – wirklich Freude? Noch bevor ich die Frage zu Ende gestellt habe, zieht Rory Mellis sein Handy hervor und strahlt mich mit leuchtenden Kinderaugen an. „Ich liebe es, Tourist in meiner eigenen Stadt zu sein.“ Auf dem Bildschirm seines Smartphones: ein schwarz-weißes Foto eines Reihers im Leith Links Park – aufgenommen auf einem seiner langen Spaziergänge, nur wenige Minuten von der Old Lemonade Factory entfernt. „Mein Zuhause mit den Augen von Touristen zu entdecken, ist einfach großartig“, sagt er.
Schottlands Affineur
Rory und ich verplaudern uns so sehr, dass die Zeit viel schneller vergeht, als uns lieb ist. Nach einer gemütlichen Stunde werfe ich einen erschrockenen Blick auf die Uhr und schlage vor, unser Gespräch zwischen den Käselaiben ausklingen zu lassen. „Es wäre mir eine Ehre“, sagt er. Ich lasse Jacke und Tasche im Büro zurück, wir werfen uns die obligatorischen Hygienemäntel, Schuhüberzieher und Haarnetze über, und Rory Mellis öffnet eine Lagertür nach der anderen. Ich bin froh, dass er vorangeht – die alte Lemonade Factory ist alles andere als übersichtlich. Er weist mir den Weg durch die labyrinthartigen Gänge; um uns herum Paletten über Paletten. „In einer Woche sind das hier noch einmal doppelt so viele – Weihnachtsgeschäft“, kommentiert Rory über die Schulter.
Umgeben von schweren Cheddar-Laiben – „das sind die etwas kleineren, die wir hier lagern“ – und den Corra Linns, die ich wenige Tage zuvor mit Angela auf der Errington Farm in Lanark selbst anschneiden durfte, frage ich ihn, ob er den Begriff Scotland’s Affineur mag. Rory lächelt. „Natürlich. Weil es zeigt, dass wir das hier mit Leidenschaft tun. Wir verkaufen nicht nur großartigen Käse, sondern versuchen, in unserer Rolle als Affineure das Beste aus ihm herauszuholen – sein gesamtes Potenzial auszuschöpfen. Für Schottland und hoffentlich für ganz Großbritannien.“ Und darüber hinaus? Rory bleibt realistisch: „Wichtig ist uns jetzt erst einmal, den Fokus auf Großbritannien zu legen.“
Kleine Fehler
Nach ein paar Porträtaufnahmen wird die Zeit dann doch erstaunlich knapp. Rory bietet an, schnell meine Jacke und meine Tasche aus dem Büro zu holen, damit ich noch ein paar Außenaufnahmen machen kann. Dass er mich anschließend auch noch zur nächsten Tramstation bringen würde – und sich damit an diesem Tag zum zweiten Mal den Hut des Taxifahrers aufsetzt –, rührt mich. Aber ich weiß inzwischen, dass er genau diese Spontanität und Flexibilität liebt: das ständige Umschalten zwischen all seinen Aufgaben. Was er macht, nachdem er mich aus dem Mellis-Taxi abgesetzt hat? „Ich muss mich ums WLAN kümmern. Ich habe das Thema in London wirklich unterschätzt. Einer von vielen kleinen Fehlern, die passieren – und aus denen ich lerne“, sagt Rory Mellis lachend.
Wir verabschieden uns viel zu kurz für die herzlichen Stunden, die wir an diesem Morgen miteinander geteilt haben. Doch die Kombination aus Van, Regen und der herannahenden Straßenbahn lässt uns keine andere Wahl. Rory schaut sich noch einmal umsichtig um, ein letztes Winken – und das stille Wissen, dass dies gewiss nicht unser letztes Gespräch gewesen sein wird. Dieser Mann hat große Pläne, gepaart mit einer kreativen Energie, leidenschaftlich und wunderbar unberechenbar zugleich. Eine neue Mellis-Ära hat eben erst begonnen – und die britische Käsewelt, das spürt man heute deutlich, darf sich auf viel freuen.
Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen.