4. Januar 2026
Beobachtungen erhalten.
Der Geschmack von Privilegiertheit
Am Rand von Leith

Die Uferpromenade von Leith in Edinburgh wird heute – der Gentrifizierung sei Dank – von trendigen Bars, Restaurants und Cafés gepflastert.
Maximal vier Nächte und fünf Tage – so lange dauern meine Käsereisen, wenn ich fliege. Der begrenzende Faktor ist selten der Ort, fast immer der Rucksack. Eine Ersatzhose, der Laptop, ein Buch für die Nacht, Yogakleidung, etwas zum Überziehen – dann ist er voll, die Reißverschlüsse so wenig verhandlungsbereit wie Ryanair.
Der Grund dafür ist unspektakulär. Ich reise gern und oft – und sehe nicht ein, für ein paar zusätzliche Kubikdezimeter Stauraum oder gar Aufgabegepäck den dreifachen Preis zu zahlen. Wichtiger noch ist die Flexibilität: mit leichtem Gepäck ankommen, zügig weiter. Und keine Zeit am Kofferband verlieren.
Die Unterkunft: bevorzugt ein Airbnb-Zimmer, angeboten von aufgeschlossenen Gasteltern – zugleich eine Form, die mein Reisebudget schont. Was ich daran besonders schätze, sind die beiläufigen Gespräche: abends beim gemeinsamen Essen, morgens beim ersten Kaffee in der Küche. In diesen Momenten öffnen sich, in eigentlich viel zu kurzer Zeit, präzise Einblicke in den kulturellen Alltag einer Region.
Menschen, die einen Teil ihres Zuhauses über Airbnb anbieten, sind häufig aufgeschlossener und kommunikativer Natur. Das erleichtert Gespräche über Unsinn, Politik oder Sonderangebote im Supermarkt – und öffnet mir Perspektiven, die über meine Arbeit in der Käsewelt hinausgehen.
Eine der prägendsten Begegnungen liegt kaum einen Monat zurück. Auf meiner letzten Käsereise nach Schottland – zu Angela Cairns von Errington Cheese, Rory Mellis von Mellis Cheese und Svetlana Kukharchuk – hatte ich bewusst nach einem Zimmer in Leith gesucht. Der nördlichste Stadtteil Edinburghs war einst Schottlands wichtigster Handelshafen, im 19. Jahrhundert stark industriell geprägt und entwickelte sich später zum Problemviertel. Seit den 1990er-Jahren erfährt Leith eine deutliche Aufwertung; heute gilt es als trendiges, alternatives Viertel mit Bars, Restaurants und Cafés.

Frisch gemahlen sollten diese Kaffeebohnen ein gut gemeintes Mitbringel sein.
Weniger an der inzwischen aufgeräumten Hafenpromenade als vielmehr am Rand von Leith, zwischen Uferflair und Arthur’s Seat, zeigt sich die Gentrifizierung in all ihren Spannungen – dort, wo nicht alle mit der Revitalisierung in Rekordgeschwindigkeit mithalten konnten. Das Ergebnis, das mir von früheren Aufenthalten in Edinburgh präsent war: Leith als Stadtteil größtmöglicher kultureller Kontraste – und zugleich ein günstiger Ausgangspunkt für meine Verabredungen in der Käsewelt.
Ich bezog ein Zimmer bei Hannah, Richard und ihren beiden Katzen. Der Empfang war herzlich, die Wohnung gemütlich, penibel sauber und – überraschend frisch. Ich sollte Bescheid geben, falls mir kalt sei – einer der ersten Sätze, noch während ich den Mantel trug und im Flur bereits spürte: Der Unterschied zwischen draußen und drinnen war kaum vorhanden.
Die erste Nacht, der erste Morgen. Spätestens nach eineinhalb Tagen sind erfahrungsgemäß Fassaden und Zurückhaltung aufgeweicht, und man hat ein ungefähres Bild vom jeweils anderen: im positiven wie im ehrlichen Sinn. Ich bemerkte, dass Hannah und Richard ihre Tage in der Wohnung verbrachten, an meinen Lippen hingen, wenn ich abends von meinen Erfahrungen in North Berwick oder South Lanarkshire erzählte. Und gingen die beiden eigentlich duschen?
Auch das gehört zur Realität: Ich reise kostenbewusst, aber aus einer Position der Möglichkeit. Mit dem Privileg, unterwegs zu sein, um gutes Handwerk sichtbar zu machen. Und dabei Menschen zu treffen, die ein Zimmer ihrer Wohnung nicht nur aus Gastfreundschaft vermieten, sondern auch, um zu überleben.
Zwei Welten trafen aufeinander: Mit meiner Anwesenheit und dem, was ich tat, brachte ich die heile, gentrifizierte Welt aus Craft, Culture, Journey & Journalism in ihre wenig temperierte Wohnung am Rand von Leith. Daraus entstand keine Ablehnung, sondern vielmehr ungehobeltes, wenig feinfühliges Verhalten meinerseits. Nur zwei meiner vielen Fauxpas in vier Tagen – dafür die gröbsten:
Um meinen morgendlichen Kaffeekonsum auszugleichen, brachte ich am zweiten Nachmittag frisch gemahlenes Kaffeepulver mit – aus einer Rösterei am Hafen von Leith, in der ich zuvor gearbeitet hatte. Hannah hatte erzählt, dass sie und Richard dort schon lange hinwollten. Als ich ihr die Tüte überreichte, hob sie sie ehrfürchtig hoch, Tränen traten ihr in die Augen: „Look, Richard, such an expensive coffee!“ Der Kaffee wurde wohl nie geöffnet. Aufbewahrt für irgendwann. Für jemand anderen.

Da lag der Bonnington Linn noch ganz unbedarft in the Käsetheke der Errington Barn...
Der unangenehmste Moment kam am letzten Abend. Von meinem Aufenthalt auf der Errington Farm hatte ich ein Stück Bonnington Linn mitgebracht. Da das Handgepäck ohnehin ausgereizt war, wollte ich ihn gern mit den beiden teilen. Ich schnitt den Käse in mundgerechte Stücke, drapierte sie auf einem Teller und fragte, ob sie einen meiner liebsten Käse probieren wollten. „Oh yes!“
Als Richard zum zweiten Stück griff, fragte er, was ich für den Käse insgesamt bezahlt hatte. Ohne nachzudenken, sagte ich: „Knapp acht Pfund.“ Im selben Moment sah ich ihm an, wie er den Preis pro Stück durchrechnete. Was eben noch unfassbar nussig und vollmundig auf meiner Zunge gelegen hatte, bekam den schalen Beigeschmack von Privilegiertheit.
Hätte ich Kaffee von Tesco mitbringen sollen?
Oder den Käse allein essen?
Auf meiner Webseite schreibe ich in der Einleitung meiner Cheese Stories: „Dabei wird Käse zu einem feinen Seismografen kultureller Bewegung und macht sichtbar, wie eng Genuss, Wissen und Gemeinschaft miteinander verwoben sind.“ Auf Reisen lerne ich jedoch auch, dass diese Gemeinschaft nicht alle einschließt. Käsekultur kann ebenso zeigen, wie weit Welten auseinanderliegen – und welches Privileg es ist, diesen Reichtum kosten, sichtbar machen und teilen zu können.
Eine der Grundthesen des Soziologen Hartmut Rosa: Die Moderne versucht, die Welt verfügbar zu machen – und verliert dabei ihre Resonanz.
Ich hatte versucht, den beiden für mich großartiges Handwerk verfügbar zu machen. Alles daran verlor an Geschmack.
Keine Lösung. Eine Erfahrung. Ein ebenso wichtiger, kontrastreicher Spiegel meiner Reisen.
Hannah und Richard haben übrigens gemütliche Weihnachtstage und ein ruhiges Silvester erlebt – zu Hause, bei ihren Katzen. Wir stehen nach wie vor in regelmäßigem Kontakt. Eine leise Verbindung ist also doch entstanden.
Es geht nicht um Käse. Sondern um die Geschichten, die er erzählt.
Frohes Neues!