10. Februar 2026
Cheese Stories

Ein Leuchtturm in Brandenburg: Robert Dommel auf dem Gut Ogrosen

Diese Cheese Story basiert auf einer ausführlichen Reportage nach einer Begegnung mit Robert und Lena Dommel auf dem Gut Ogrosen in Vetschau. Sie erzählt von den Voraussetzungen, unter denen dort in kurzer Zeit eine eigene Handschrift entstehen konnte – und von einem Käse namens Berta, der jüngst bei den World Cheese Awards mit „Super Gold“ ausgezeichnet wurde. Neben den Cheese Stories über Hauke Koll, Redlef Volquardsen und Thilo Metzger-Petersen macht sie sichtbar, dass herausragendes Käsehandwerk in Deutschland nicht an den Süden gebunden ist.

Robert Dommel lacht in seiner neuen Käserei auf dem Gut Ogrosen.

Ur-Spreewälder, grundehrlich, bodenständig: Der 35-jährige Robert Dommel in seiner erst zwei Jahre alten Käserei auf dem Gut Ogrosen.


Zwischen Calau und Drebkau, rund eine Zugstunde von Berlin entfernt, liegt das Gut Ogrosen in Vetschau. 1991 begann hier die Zusammenarbeit mehrerer landwirtschaftlicher Betriebe unter einem Dach. Vor zwei Jahren kam eine neue Käserei hinzu – geführt von Robert Dommel und seiner Frau Lena.

Robert wartet an diesem eiskaltklaren Februarmittag bereits auf dem Parkplatz am Bahnhof Calau. Eine feine Schneedecke zieht sich über das flache Land der Niederlausitz. Der Kontrast zwischen dem lauten Treiben der Hauptstadt und der stillen Weite am Rand des Spreewalds könnte kaum größer sein. Wäre sein blauer VW-Bulli nicht das einzige wartende Fahrzeug, hätte ihn das Kennzeichen verraten: „LR“ – für Lena und Robert. Was es mit der Jahreszahl auf sich habe, frage ich ihn. „Lass uns darüber lieber nicht sprechen“, lacht er. „Da habe ich mich um ein Jahr vertan.“

Spreewälder Humor, grundehrlich, bodenständig. „Ich bin hier aufgewachsen, die Mentalität ist mir vertraut.“ Das helfe im Umgang mit Alteingesessenen – und „mit sprachlichen Artikelbesonderheiten“, schmunzelt der 35-Jährige, während wir gerade zum sechs Kilometer entfernten Gutshof fahren. Die Probleme der letzten Tage seien zum Glück gelöst. Ein Rohrabschnitt der Kreislaufspülung war eingefroren. „Man ist erst mal panisch“, sagt er, „aber mit etwas Nachdenken und Kreativität findet sich immer eine Lösung.“ In diesem Fall habe er die Rohre einfach mit Dampf aus der Käserei bestrahlt.

Lösungsorientiert, zupackend, autodidaktisch. Diese ersten Eindrücke werden sich im Verlauf meiner Begegnung mit der noch jungen Erfolgsgeschichte von Lena und Robert Dommel bestätigen. Ihre Arbeit auf dem Gut Ogrosen ist zu einem Leuchtturm für das Käsehandwerk in Brandenburg geworden. Denn was die beiden hier in nur zwei Jahren aufgebaut haben, wurde nicht zufällig mit „Super Gold“ bei den World Cheese Awards 2025 sowie der Auszeichnung zum Besten Deutschen Käse gewürdigt. Käsehandwerk mit Strahlkraft – an einem geschichtsträchtigen Ort, dessen jüngstes, richtungsweisendes Kapitel gerade erst begonnen hat.

Ein Gut im Wandel

Die Fassade der neuen Käserei auf Gut Ogrosen. Vor dem Gebäude steht eine Krainerwand aus gestapelten Holzstämmen.

Die Krainerwand vor dem zweigeschossigen Neubau, der 2024 entstandenen Heimat der Käserei, war eine Idee von Lena – ein System, das sie aus dem Alpenraum kannte. Darunter liegen drei Ziegelgewölbekeller, die unter anderem als Reifelager für die Berta-Laibe dienen.


Noch bevor wir das Gut Ogrosen erreichen, streifen wir dessen 440 Hektar großes Ackerland. Was 1704 als Herrenhaus der Familie von Stutterheim, seinerzeit eine angesehene Adelsfamilie in der Niederlausitz, begann und sich Ende des 19. Jahrhunderts zum Wirtschaftshof weiterentwickelte, besticht heute durch Synergieeffekte unter anderem von Milchschaf- und Ziegenhof, Imkerei, Forstwirtschaft und Hofladen.

2024 wurde auf dem Areal ein zweigeschossiger Neubau fertiggestellt – die neue Heimat der Käserei. Hier parkt Robert direkt an der angrenzenden Krainerwand. „Die Steilhangbefestigung war Lenas Idee, ein System, das sie aus dem Alpenraum kannte.“ Enge Grundstücksgrenzen wurden umgangen, die vielen Akazien im Wald genutzt, davor eine Schilffläche zur natürlichen Kärung der Molkereiabwässer – das Ergebnis beeindruckt. Und beherbergt zugleich die Ziegelgewölbe der drei Reifekeller.

Im Herzen Schweiz

Schuhüberzieher, Desinfektion, Kittel und Haarnetze: Auf dem Weg in die Käserei erzählt er, dass die Lebensmittelkontrolleure in ihrem Landkreis nur eine einzige Käserei zu kontrollieren haben – ihre. „Die sind vermutlich nervöser als wir bei der Kontrolle. Wir sind mit dem, was wir machen, hier schon ziemlich allein.“

Stolz öffnet Robert die schweren Türen zu seinen heiligen Hallen – der Käserei. „Hier hat man Platz!“, strahlt er. Lena, gebürtige Berlinerin, in vielen Käsereien auf der Alp ausgebildet, habe viele Ideen eingebracht. Eine Schweizer Ausstattung – beiden mehr als vertraut – lag für die neue Käserei nahe. Entsprechend wird der Dampfkessel hier mit Scheitholz befeuert. „Wenn wir hier morgens um sechs Uhr ankommen, wird erst einmal mit Holz geheizt, sodass wir Dampf haben, um die Milch anzuwärmen, Geräte zu desinfizieren oder – wie zuletzt – eingefrorene Leitungen aufzutauen.“ Mittlerweile nimmt Robert den Notstand der vergangenen Tage mit Humor.

Kleine Dramen passieren. Alltag in einer Käserei. Trotz internationaler Auszeichnungen, über die wir bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesprochen haben. Was macht ihre Art zu käsen so besonders, frage ich ihn. „Das liegt vor allem an meinem guten Lehrmeister“, sagt er. „Pius Hitz von der Bergkäserei Vorderfultigen.“

Detail eines Kupferkessels aus dem Schweizer Emmental mit eingeprägter Jahreszahl.

Den Kupferkessel aus dem Jahr 1964 erstand Robert gebraucht im Schweizer Emmental. So lernte er seinen größten Lehrmeister, Pius Hitz, kennen.


Robert spricht von dem Mann, dessen Gruyère bei den vergangenen World Cheese Awards zum besten Käse der Welt gekürt wurde. „Wir sind befreundet“, sagt er. Man habe sich eher zufällig kennengelernt, als Lena und er sich hier vor sieben Jahren einrichten wollten. „Wir sind damals ins Emmental gefahren, um ihm einen gebrauchten Kupferkessel abzukaufen.“ Damit kam der Stein ins Rollen.

Zum Glück Käse

Denn lange war der Weg zum Käser für Robert alles andere als vorgezeichnet. Die landwirtschaftliche Arbeit war ihm von klein auf durch seine Großeltern vertraut – und die rieten ihrem Enkel strikt davon ab. Während seines Zivildienstes in Ecuador wurde Robert in der Ferne bewusst, dass er trotz aller Vorbehalte in der Landwirtschaft bleiben und in den Spreewald zurückkehren wollte.

Das Studium der Landwirtschaft in Berlin folgte – daneben ein Job auf dem Gut Ogrosen. Schnell fiel die Entscheidung, an diesem für ihn besonderen Ort zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen. Milch stand dabei zunächst nicht im Fokus. Zum Käsen entschied er sich aus rationalen Gründen. „Ich bin Frühaufsteher und wollte selbstständig sein. Wie kann ich das hier sinnvoll auf dem Hof einbringen?“

Robert schmunzelt. „Es hätte auch etwas anderes werden können – zum Glück war es der Käse.“ Der führte ihn und Lena schließlich 2017 bei einer Öko-Junglandwirtetagung in Fulda zusammen. Lena, selbst erfahrene Käserin, „fand es schon ziemlich gut, dass ich mich für den Käse entschieden habe.“

Die Arbeit auf dem Gut Ogrosen bindet Robert zeitlich wie räumlich. „Ich stand hier ja schon in Verantwortung.“ Das Käsehandwerk habe er sich über Praktika angeeignet, die Theorie nebenbei – aus Büchern, autodidaktisch. 2014 verbrachte er zwei Monate in der Hofkäserei Stroblberg in Baiern. Er besuchte weitere Käsereien, darunter die Hofgemeinschaft Heggelbach und die Rohmilchkäserei von Hubert Stadler in Glonn. Die drei prägendsten Wochen jedoch waren die im Jahr 2022 in der Schweiz – bei seinem Lehrmeister Pius Hitz.

Mit Sorgfalt ausgestattet

Teebeutelpapier in den Händen von Robert Dommel zur Verwendung bei den Berta-Laiben.

Das Teebeutelpapier, eigens von einer Käserei aus den Niederlanden bezogen, wartet auf seinen Einsatz für die Berta.


„Ihm verdanke ich wirklich viel – nicht nur die Ausstattung.“ Von ihm habe er vor allem gelernt, die Käserei so zu planen, dass man im Notfall allein zurechtkommt. Dafür sei Gruyère ein dankbares Format. „Wenn Leute ausfallen oder krank sind, komme ich gut allein klar.“ Sein Berta im Gruyère-Stil also auch eine rationale Entscheidung? Robert überlegt. „Nicht ausschließlich. Ich hatte einfach den Anspruch, einen charakterstarken Rohmilch-Hartkäse im Norden zu machen.“

Der Neubau schuf dafür die notwendigen technischen Voraussetzungen. Über eine rund vierzig Meter lange Milchleitung gelangt die Heumilch quasi euterwarm vom Melkstand direkt in die Verarbeitung. So bleibt die Rohmilchflora der aktuell neunzig Schwarzbunten Niederungsrinder erhalten – einer auf der Roten Liste geführten Nutztierrasse. Ihre Milch besticht durch ein ausgewogenes Fett-Eiweiß-Verhältnis, ideal für lange Reifezeiten, und ein komplexes Aromaspektrum.

Rund 1.100 Liter täglich: Das Bruch-Molke-Gemisch wird abgepumpt, drei verschiedene Formengrößen stehen bereit. „Die muss ich nicht einmal händisch drehen“, sagt Robert und zeigt auf seinen neuesten Stand der Technik. Es ist beeindruckend, wie präzise durchdacht diese Käserei ausgestattet ist. Weichkäsewanne, Abpumpschläuche, Pressen. Hier ist Erfahrung eingeflossen.

Ein bewusster Reifeprozess

Aber nicht nur die intelligente Ausstattung der eigenen Käserei hat er aus dem Emmental mit nach Hause gebracht. „Von Pius habe ich mir vor allem Rhythmus, Konzentration und Akribie abgeschaut. Ich habe noch nie so einen Vollblutkäser erlebt – das hat mich nachhaltig beeindruckt.“ Was er dort gelernt habe, setzt er hier auf Brandenburger Terroir um. „Ich schärfe meine Sinne jeden Tag. Wenn du dich auf eine oder nur wenige Sorten konzentrierst, gleichen sich die Abläufe.“ Veränderungen in der Milch oder im Reifeprozess nehme er mit der Zeit immer bewusster wahr.

So konnte er in den letzten zwei Jahren seine Berta perfektionieren. Benannt ist sein Käse im Gruyère-Stil nach einer Herdenführerin. „Ein sehr zutrauliches Tier“, sagt Robert, „sie hat beim Melkpersonal einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“ Mittlerweile macht die Berta rund vierzig Prozent seines Repertoires aus. Daneben produziert er in kleinen Chargen Weichkäse und frische Produkte wie Quark und Joghurt. „Das geht auf den Wochenmärkten weg wie warme Semmeln. Und das ist auch gut so – mit Hartkäsen wie der Berta verdienst du nicht viel.“

Gemeinsam aufs Podest

Die gemeinsame Vermarktung aller Produkte des Guts Ogrosen auf den Wochenmärkten in Senftenberg, Lübben und Cottbus hat Robert bereits lange vor dem „Super Gold“ einen treuen Kundenstamm eingebracht. Denn was er hier tut, ist in Brandenburg ziemlich einzigartig. Für ihn Fluch und Segen zugleich. „Konkurrenz ist wichtig. Das ist wie bei der Milchflora – Wettbewerb sorgt dafür, dass die Qualität steigt.“ Wie ist es eigentlich, als Teil eines großen Ganzen plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen?

„So sehe ich das nicht. Für mich lebt die Idee hier auf dem Gut von der starken Gemeinschaft. Vom Futter, das die Feldbauern liefern, über die Tiere bis zu den Melkern.“ Die seien für ihn viel zu unsichtbar und verdienten das größte Lob. „Robotermilch ist noch einmal eine ganz andere als die, die durch Hände fließt. Eigentlich müssten diese Leute aufs Podest.“

Die Auszeichnung bei den World Cheese Awards habe dem gesamten Team Ogrosen Rückenwind gegeben. „Deutschlands bester Käse aus der Provinz in Brandenburg, ehemalige DDR – das hätten uns vermutlich nicht viele zugetraut. Und natürlich waren wir Quereinsteiger. Naiv.“ Aufgeben war aber nie eine Option.

„Es ist gut, dass wir in Brandenburg beispielhaft vorangehen können und einen Weg gefunden haben, dass unser Käse hier funktioniert. Wie viele Betriebe mussten zuletzt aufgeben. Kein Siegel rettet dich vor der Realität.“ Seit 2013 ist das Gut Ogrosen ein Demeterbetrieb – kein Garant für erfolgreiche Vermarktung. Aber inzwischen ein Garant für verdammt guten Käse.

Raum zur Entfaltung

Robert Dommel zieht einen Berta-Laib aus dem Holzregal im Reiferaum der Käserei auf Gut Ogrosen.

„Es ist gut, dass wir in Brandenburg beispielhaft vorangehen können und einen Weg gefunden haben, dass unser Käse hier funktioniert.“ 


Wir sind mittlerweile im ersten der drei Reifelager angekommen. „Konstante 13 Grad, wie bei Pius“, sagt Robert. Die Ziegelgewölbe regulieren Klima und Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise. Um uns herum reifen gerade dreihundert Laibe Berta auf 88 Holzregal-Ebenen, nebenan noch einmal dieselbe Anzahl. „Nach zwei Tagen Salzbad folgen hier sechs Tage Trockensalzen.“ Robert reibt die 35 Kilogramm schweren Laibe in danach täglich mit einer Käseschmiere bestehend aus Rotschmierkulturen, Hefe und Salzlake ein. Ein für ihn entscheidender Prozess: „Je nachdem, wie sich die Rinde entwickelt, behandle ich die Oberfläche intensiver oder dosierter. Das überlasse ich keinem Roboter – dafür braucht es Gefühl.“

Viel Zeit verbringt er hier. Die Reifekeller sind sein zweites Wohnzimmer. Den Fliesenboden mag er besonders. „Er bringt eine gewisse Ästhetik mit sich.“ Ganz gleich, ob auf den Außenanlagen, in der Käserei oder hier unten: Roberts Dankbarkeit für diesen neu geschaffenen Ort ist spürbar. „Ich habe mir hier über die Jahre Vertrauen erarbeitet und mich bewiesen. Was nun alles mit der richtigen Ausstattung möglich ist …“, sagt er kaum hörbar.

Lena schaut in diesem Moment durch die Tür – im Sommer sind sie zu dritt. Privates Glück und berufliche Verwirklichung sind hier untrennbar miteinander verbunden. Wurzeln haben Lena und Robert Dommel auf dem Gut Ogrosen längst geschlagen. Mit der neuen Käserei haben sie Raum gewonnen, sich zu entfalten und zu wachsen – als kleine Familie und als Leuchtturm eines strahlenden Käsehandwerks in Brandenburg.

 

Diese Begegnung ist Teil meiner fortlaufenden Cheese Stories über internationale Käsekulturen. 

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